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Sonntag, 22. November 2015

Michel Tabachnik und das RSO Stuttgart des SWR
Am 22.11. beim Abo-Konzert des Radiosinfonieorchesters Stuttgart des SWR: Der Schweizer Dirigent Michel Tabachnik (links) bewältigte zum Auftakt "Schreiben" von Helmut Lachenmann, der 80 wird und deshalb derzeit viel zu hören ist. Hier produzierte er Geräusche, für die Orchesterinstrumente nicht gemacht sind. Das geht mit einem Mikro in der Natur besser. Aber die Musiker haben sich brav gehalten. Im Himmel spielte dann Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur mit Vilde Frang. Sie war nicht nur eine brillante Interpretin, sondern auch beim CD-Signieren sehr charmant und offenherzig. Schumanns Sinfonie Nr. 4 d-Moll war ein wunderbarer Ausklang.

Helmut Lachenmann
Vilde Frang




Sonntag, 15. November 2015

Die Anschläge von Paris RICHTIG diskutieren

Islamisten sind menschenverachtende, zynische Faschisten. Das zeigt sich in Paris gerade einmal mehr. Dieses Problem hat in unserer Debatte über Flüchtlinge nichts zu suchen. Je klarer das unseren Lesern wird, desto besser sind die Chancen, mörderische Fanatiker auch wirklich kompromisslos zu bekämpfen. Mit naivem Pazifismus kommen wir da leider nicht weiter. Viele müssen erst wieder lernen, was "wehrhafte Demokratie" bedeutet - und die brauchen wir jetzt. Es gibt schon Lösungsansätze, z.B. eine Geheimdienstarbeit, die sich endlich auf echte Bedrohungen (NSU, IS, NSA, TTIP) konzentriert statt auf die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung.
Außerdem hat STERN-Chefkommentator Jörges einen sinnvollen Stufenplan vorgeschlagen: 1) Politisches Asyl, z.B. für Jesiden und von Diktaturen verfolgte Intellektuelle oder Gläubige. Das sind immer überschaubare Zahlen, daher gilt Merkels Satz, dass hier das Grundgesetz keine Obergrenze kennt.
2) Kontingente für schutzbedürftige Kriegsflüchtlinge nach der Genfer Konvention. Dazu gehört auch der Familiennachzug für Kriegsflüchtlinge, den Teile von CSU und CDU ablehnen: Wie absurd wäre es denn, Frauen und Kinder daheim Assads Fassbomben zu überlassen und hier nur die Väter oder Brüder aufzunehmen, die dann prompt einen Lagerkoller kriegen?!
3) Ein vernünftiges Einwanderungsgesetz mit legalen, aber klar geregelten Bedingungen für alle, die bei uns ein besseres Leben suchen. Ansonsten ist es absurd, dass Leute um die halbe Welt reisen, um hier als "Flüchtling" die Fürsorge anstelle anderer zu beanspruchen, die ein unbestreitbares Recht darauf haben.  Aber leider zanken sich unsere Politiker lieber und führen Wahlkämpfe, statt schnell ihre Bürokratie auf Zack zu bringen und die nötigen Gesetzesreformen durchzubringen.
Rausfliegen - und zwar schnell - müsste dagegen jeder, der massiv Gesetze bricht oder nicht respektiert, Papiere wegschmeißt, die Registrierung verweigert oder erkennbar faul in der sozialen Hängematte liegen will, also z.B. Arbeitsangebote ablehnt, Sprachkurse bzw. Integrationsunterricht und den Schulbesuch schulpflichtiger Kinder verweigert oder seine Frau und Töchter zwingt, ihr Gesicht zu verhüllen. Schade auch, dass dazu weder Frau Merkel noch Außenminister Steinmeier oder Innenminister De Maiziere klar Stellung beziehen.
Auch Merkels außenpolitischer Ansatz, das Flüchtlingsproblem dort zu bekämpfen, wo es entsteht, ist gut, aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Es kann auf Dauer z.B. kein richtges Handeln im Falschen geben: Der Waffenhandel in Krisenregionen etwa oder "Bündnispartner" wie Saudiarabien, die mit unsren Waffen Krieg im Jemen führen und mit ihrem Geld permanent und penetrant-uneinsichtig den Wahabismus weiter exportieren, die Ursache aller islamistischen Übel. In diesem Punkt sind wir dann nicht, aber auch GAR NICHT besser als Putin, der den Diktator und Massenmörder Assad stützt, oder die islamische "Republik" Iran. Die Ursachen bekämpfen, hieße dann eben, endlich die Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes zu beenden und auch eine bisher unbekannte Kombination aus Ehrlichkeit, moralischer Konsequenz und Freundlichkeit in die Diplomatie zu bringen.
Ich habe mal gehört, wie ein Sektenführer diese Taktik als "Totschläger im Samtfutteral" beschrieb: sicher nicht angenehm, aber psychologisch höchst effektiv. Warum überlassen wir das Sektierern? Konkret: Da müssten westliche Bündnisse einfach klüger und entschlossener zugleich werden und endlich die Fähigkeit finden, Dummheiten wie die Einkreisung Russlands  durch die NATO und Völkerrechtsverstöße wie Guantanamo zu korrigieren und den Blankoscheck für jeden Rechtsbruch Israels im Umgang mit den Palästinensern zu kassieren. Außerdem fände ich es schon mittelfristig sehr viel klüger, die demokratischen Kräfte in der Türkei und deren EU-Mitgliedschaft aufrichtig zu unterstützen, statt einem Autokraten wie Recep Tayip Erdogan in den Arsch zu kriechen, damit er die türkische Schleusermafia stoppt. Die Rendite für solche Umkehr ließe sicher nicht lange auf sich warten.
Aber "Christen" wie die CSU oder die US-Republikaner torpedieren das alles noch. Da müssen wir endlich lernen, dass Widerstand gegen so ein Verhalten mit "Antiamerikanismus" nicht das Geringste zu tun hat. Es ist auch kein Antisemitismus, wenn man die undemokratische, rassistische und dopplzüngige Politik der Regierung Netaniahu kritisiert. Ebensowenig ist der Hinweis auf diktatorische, schwulenfeindliche und panslawistische Tendenzen der Putin-Regierung "russenfeindlich" oder dekadent. Klare Kante zu zeigen, wird auch an erkannt. Wer schwankt wie das Rohr im Wind, verdient keinen Respekt und wird ihn auch nicht bekommen.

Freitag, 11. September 2015

Einfache Regeln statt sinnloser Flüchtlingsdebatten!

Zum Thema Flüchtlinge wird endlos diskutiert, wo einfach nur schnell gehandelt werden müsste. Es müssen endlich konkrete Maßnahmen her, von denen viele schnell per Dekret oder Verordnung möglich sind: Schluss mit dem Verbot für Airlines, Flüchtlinge ohne Visum mitzunehmen. Es ist unerträglich, dass ein Flug aus Damaskus oder Bagdad nur 150 Euro kostet, Flüchtlinge aber Tausende an kriminelle Schlepper zahlen, um sich auf lebensgefährliche Trecks zu machen. Airlines verlieren immer noch ihre Lizenz, wenn sie sich diesem Irrsinn nicht beugen. Grundsätzlich muss gelten: Wer keine gültigen Papiere hat, wird erkennungsdienstlich erfasst - aber SOFORT. Sonst haben wir auch den IS und arabische Kriminelle, die dortige Regimes nicht durchfüttern wollen, bald völlig unkontrolliert im Land.
Konkrete Forderung für Baden-Württemberg: Der Verfassungsschutz sollte schleunigst von der Beobachtung der Stuttgart-21-Gegner abgezogen und zur Identifikation und Überwachung schwarzer Schafe unter Flüchtlingen eingesetzt werden. Dann hätten die Beamten auch endlich einen anspruchsvollen Job, der ihr Gehalt wert ist.
Schluss mit den offenen Schengen-Grenzen für Länder, die noch gar nicht in der EU sind oder sich als Neumitglieder weigern, verbindliche Regeln und Quoten mitzutragen. Visumpflicht für den Balkan - im Verbund mit der Möglichkeit, Asylanträge bei den dortigen Botschaften zu stellen, und einem fairen, transparenten Abgebot mit klaren Bedingungen für Arbeitsmigranten. Schluss mit der idiotischen Bearbeitungsprozedur von Asylanträgen und massiv mehr Bearbeiter (lächerlich: 1000 Leute mehr für wohl eine Million neue Flüchtlinge - bei 250 000 Altanträgen, die schon auf Halde liegen!). Das geht so nicht. Für diese Einsicht reicht Grundschulwissen.
Wo bleiben die vor Wochen angekündigten "mobilen Registrierungsteams"? Mit denen gäbe es nämlich bei den Erstaufnahmestellen nicht o viele Verweigerer, die zu Freunden und Verwandten irgendwo anders wollen und jetzt anonym, ohne Papiere, Visum oder Registrierung, durch Deutschland irren. Wo bleiben einheitliche Standards in Europa bei Registrierung, Ersterfassungsunterkunft, Asylverfahren, Geld- und Sachleistungen, Krankenversorgung etc.?
Wieso maulen deutsche Politiker immer noch über ein "unnötiges" Einwanderungsgesetz und ignorieren die Tatsache, dass der Bürokratie-Moloch mit verschiedenen Zuständigkeiten, der diese irren und irre teueren (und absichtlich erzeugten, weil abschrecken sollenden) Wartezeiten verursacht, ein großer Teil des aktuellen Problems ist? Das Verfahren mus so vereinfacht werden, dass die Regeln auf einen Bierdeckel passen; dann braucht man dafür auch keine jahrelange Ausbildung. Man nehme endlich Frau Merkel beim Wort, die forderte, Deutschland müsse flexibel werden!

Donnerstag, 10. September 2015

Musikfest Stuttgart: "Wo bleibt die Barmherzigkeit?"


"Sichten auf Bach" in der Stuttgarter Stiftskirche
"Sichten auf Bach" heißen Konzerte in der gotischen Stiftskirche Stuttgart, mit denen die Internationale Bachakademie beim  Musikfest dem Publikum nicht nur herrliche Musik, sondern jeweils auch eine ganz andere Sicht auf den großen Komponisten bietet.
Diesmal war es die heimische Sicht, dargestellt von der Gächiner Kantorei, dem Bach-Collegium Stuttgart und Solisten unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann. Bedenkt man, dass diese Programme viele Monate vorher erstellt werden, dann hatte der Dirigent für den 10. September eine wahrhaft prophetische Ader, und so erhielt dieses Konzert eine höchst aktuelle Komponente. Angesichts der Flüchtlingsdramen, die Europa derzeit erschüttern, war die zentrale Kantate "Ihr, die ihr euch von Christo nennet" (BWV 164) eindringlicher als jede Predigt in ihrer Mahnung an christliches Selbstverständnis und Gewissen. Vor allem an die Verweigerer europäischer Solidarität musste denken, wer die Verse hörte:

"Ihr, die ihr euch von Christo nennet,
wo bleiben die Barmherzigkeit,
daran man Christi Glieder erkennt?
Sie ist von euch, ach, allzu weit.
Die Herzen sollten liebreich sein,
so sind sie härter als Stein".

Jeder fünfte Deutsche hat sich inzwischen in der Flüchtlingshilfe aktiv engagiert - auch in Stuttgart. Und so ist die Erinnerung daran, was denn ein "christliches Abendland" sei, wohl in erster Linie bekennenden Christen wie dem Bischof von Szeged, Viktor Orban oder diversen CSU-Granden auf den ins Gewissen geschrieben, die schon mal von einer "Invasion" des christlichen Abendlandes reden. Alle wirklich gläubigen Menschen aber richten wohl in diesen Tagen die Bitte aus dem Text dieser Kantate nach Breitkopf & Härtel, Nr. 4774, Wiesbaden 1969 an ihren Gott:

"Dass ich die wahre Christenliebe,
mein Heiland, täglich übe,
dass meines Nächsten Wehe,
er sei auch, wer er ist,
Freund oder Feind, Heid oder Christ,
mir als mein eignes Leid zu Herzen allzeit gehe!"

Ich zitiere sonst nicht aus alten Kantaten, aber diesmal muss es sein. Bach zeigt uns, wie wenig neu die Lage und die Reaktion der Menschen auf derlei ist. Musikalisch, soll aber wenigstens erwähnt sein, war auch dieses Konzert wieder ein besonderes Juwel. Musikhistorisch knifflig, dass da eine Motette und zwei Kantaten in einem Konzert zu hören waren, die nicht im gleichen Kammerton geschrieben wurden. Ohne in Einzelheiten zu gehen: Die Motette "Der Gerechte kommt um" zu Beginn, kurz, aber besonders anrührend, war eine echte Entdeckung, die noch gar keine Nummer im Bach-Werkeverezeichnis hat.
In der zentralen Kantate brachte Rademann (auf meinem Foto leider, wie bei Digenten üblich, mit dem Rücken zum Publikum und den Blick auf die Musiker gerichtet) die großartigen Solisten ins Spiel: Carolyn Sampson (Sopran), den glockenhellen Countertenor Terry Wey, den starken Tenjor Sebastian Kohlhepp und den präzise artikulierenden Bass Jochen Kupfer. Alle sangen sicher in Höhen und Tiefen, ausdrucksstark und elastisch.
Vor allem in der abschließenden Kantate "Höchsterwünschtes Freudenfest" (BWV 194), komponiert anlässlich der Einweihung einer Orgel, die einen halben Ton anders gestimmt war als Bachs damaliges Heimatinstrument, enthielt große musikalische Schwierigkeiten. Um die Anforderungen an die Sänger erträglich zu gestalten, transponierte Rademann die Partitur um eine kleine Terz tiefer. Das jedoch war wiederum für die Instrumentalisten eine spezielle Herausforderung. Denn es sollte ja alles noch so klingen wie bei Bach. Weil aber keiner der Anwesenden Bach noch im Original gehört hat, hat auch niemand gemerkt, falls denn je etwas schief rüberkam. Geklungen hat´s jedenfalls wunderbar. Noch mehr lang anhaltender Applaus wäre in einem Gotteshaus gar nicht mehr würdig gewesen. Johann Sebastian Bach kann den Menschen auch nach 300 Jahren ans Herz greifen. Besser kann man eine Mittagspause nicht verbringen.




Sonntag, 6. September 2015

Fest der Freundschaft mit Mozarts "Idomeneo" in Stuttgart


Rappelvoll war die Stuttgarter Liederhalle am 5. September zur Eröffnung des Musikfestes mit der konzertanten Aufführung der Mozart-Oper "Idomeneo" durch die Bachakademie. Dirigent und Akademieleiter Hans-Christoph Rademann hatte mit dieser Oper ein Musikdrama über Liebe, Freundschaft, Götterfurcht und Menschenglück gewählt, dass ihm "wie ein Gebirge" erscheint". Wer die Partitur einmal gesehen hat, die so dick ist wie ein  Weltatlas, wird das verstehen. Kaum ein Musikwerk hat so viele verschiedene Stile, Strömungen, Schwierigkeiten und Besonderheiten in sich vereint wie diese Oper am Übergang von der alten barocken Opera Seria zur Belcanto-Oper des Sturm und Drang unter dem Einfluss des lyrischen Dramas aus Frankreich. Es sollte zum diesjährigen Festival-Thema "Freundschaft" passen, das durch die aktulle politische Weltlage besondere Brisanz erhält. Mit Verdi´s "Don Carlos" wäre es vermutlich klarer und auch etwas einfacher geworden. Aber Rademann liebt die Herausforderung.
Für die Gächinger Kantorei waren die vielen Chornummern natürlich ein gefundenes Fressen, und das eher kammermusikalisch geprägte Bach-Collegium Stuttgart spielte, als ob es im Orchestergraben eines Opernhauses zu Hause wäre. Ist es aber nicht. Die Abstimmung mit den Solisten erfordert ein ganz neues Maß an Rücksicht als die ehger statisch angelegten Oraorien, das der Dresener Chorspezialist Rademann in seinem großartigen dialogischen Probenstil ebenfalls glänzend bewältigt hat: Bergbesteigung gelungen.
Eine zusätzliche Herausforderung war die kurzfristige Umbesetzung des Idamante: für die Hosenrolle des Königssohnes war Mezzo Jenny Carlstedt für die erkrankte Sophie Marilley eingesprungen und nahm diese Hürde mit Bravour. Wunderbare Duette mit Anna Lucia Richter (Ilia) und schöne Ensemblenummern mit den  anderen Solisten waren der Lohn. Lother Odinius in der Titelrolle des kretischen Königs Idomeneo war großartig und zeigte einmal mehr, warum er zu den gefragtesten Tenören der Welt gehört. Großartig auch in ihren furiosen Eifersuchts-Arien: die Frankfurter Sopranistin Marlis Petersen als ebenso stimmsichere wie ausdrucksstarke, temperamentvolle Prinzessin Elettra und Gegenspielerin der trojanischen Gefangenen Ilia, der Geliebten Idamantes. Ihre Auftritte sind jedes Mal Leidenschaft pur: ein Teufelsweib! Selbst die relativ kleine Rolle des königlichen Ratgebers Arbace war mit dem US-Tenor Kenneth Tarver brillant besetzt.

Dafür, dass Mozart die damals üblichen Längen und Wiederholungen der Opera Seria noch nicht ganz abgeschüttelt hatte wie später in "Cosi fan tutte" oder "La nozze de Figaro", kann eine Aufführung nichts, die von SWR2 (aufzeichnung) und Deutschlandradio (live) mitgeschnitten wurde. Der Rest ist Musikgeschichte. Das Publikum trug´s mit Fassung und Geduld, die mit einem Fest der Stimmen belohnt wurde. Am Ende gab´s lautstarke Bravos und lang anhaltenden, begeisterten Applaus.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Fazil Say in Ludwigsburg: Ovationen für einen politischen Klavierpoeten

Fazil Say: Foto @ Marco Borggreve
Wenn man ihn spielen hört und sieht, wie Fazil Say am Flügel sitzt und strahlt und vor Freude jeden Takt mitzusingen scheint, ist klar: Das ist ein Musiker mit Herz und Seele, einer, die seine Musik liebt und lebt. Sein Konzert am 22. Juli bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen war dort nicht sein erster Auftritt, aber doch ein besonderer. Nicht weil die Luft an diesem schwülheißen Sommertag im Ordenssaal des Barockschlosses stand und der Schweiß bei Künstler und Publikum in Strömen floss, das gab´s auch schon früher. Doch der Abend machte zwei Dinge eindrucksvoll klar: Dieser Pianist ist ein begnadeter Virtuose, ein vielseitiger und brillianter Interpret, ein Mozartkenner und -Liebhaber von Graden, ein großartiger Komponist, aber auch ein Mensch mit großen Emotionen und ein politisch wacher und engagierter Zeitgenosse. Kein Wunder, dass sich zu seiner deutschen Fangemeinde eine beachtliche Gruppe türkischer oder türkisch-stämmiger Verehrer(innen) gesellte, die ihn als Künstler bewundern und einfach toll finden, was ihr Landsmann macht. Fazil Say ist ein überzeugender Botschafter des kulturellen Weltbürgertums und der demokratischen Türkei, die es trotz Recep Tajip Erdogan gibt.
Schon bevor das Konzert mit den Klaviersonaten Nr. 14 c-Moll und Nr. 12 F-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart begann, verkündete ein Festival-Sprecher, der Künstler werde das Programm gleich eingangs um die Fantasie c-Moll von Mozart ergänzen. Er spielte so hingebungsvoll, leichthändig, sicher und beseelt, dass sofort ein Funke der Begeisterung übersprang. Die Zuhörer im ausverkauften Saal vergaßen den strömenden Schweiß und die Gerüche der Menge. Derentwegen wurde im Orient einst der Weihrauch erfunden, weil er hilft, jede feierliche Hochstimmung vor dem Abgleiten in Abscheu vor dem nur noch profan Menschlichen zu bewahren). Schon der Applaus zur Pause war mehr als nur freundlich.
Nach der Pause spielte Say seine Sonate für Klavier op. 52 "Gezi Park 2": ein beeindruckendes Stück aus seiner Trilogie über die bewegenden und schrecklichen Ereignisse um den Gezi-Park von Istanbul im Frühsommer 2013. Aus dem Geist der demokratischen Proteste gegen eine wildgewordene Baumafia in der Megacity am Bosporus und den repressiven Polizei-und Justizapparat des autokratischen, reaktionären und fundamentalislamischen Präsidenten Erdogan entstand ein musikalisches Hörspiel. Fazil Say begann mit rhythmischen dumpfen Saitenschlägen mit der Hand ohne Tastatur und steigerte das Ganze zu einem Hörbild der Protestslogans, der polizeilichen Übergriffe, der Verzweiflung über die Toten und Verletzten in diesem offenen Kampf zwischen orientalischer Despotie und rechtsstaatlicher Demokratie. Die Trauer um den 14-jährigen Jungen Berkin Elvan, der auf dem Weg zum Bäcker als Unbeteiligter durch eine Tränengas-Granate der Polizei tödlich getroffen wurde, mischte sich mit Trotz und Witz und einem Beharren auf etwas Melodie mitten in Chaos und Gewalt. Es gab ja auch fast täglich Konzerte im Park, als die Demonstranten ihn besetzt hatten. Das konnte selbst hartgesonnene Männer zu Tränen rühren: Neue Musik mit solcher Macht über die Gefühle ist selten. Das alles bewirkte nur ein einziger Mann mit einem Klavier. Laute Bravos und tosender Beifall.
Es folgten einige Preludes von Claude Debussy, in denen sich Fazil Say als technisch perfekter Clown und leichter musikalischer Plauderer zeigte. Noch einmal zu ganz großer Form lief er bei zwei Zugaben auf: großartige Improvisationen zur "Summertime-Fantasie" von George Gershwin und dem Stück "Wintermorgen in Istanbul" von Sait Faik zeigten einen außergewöhnlichen und temperamentvollen Jazzpianisten. Da groovte er den Saal, als täte er nichts anderes. Fazit: Eine Vielseitigkeitsprüfung der besonderen Art, ein sehr politisches und sehr poetisches Klavierfest war dieses Konzert. Applaus, Applaus, Applaus und Standig Ovations. Und dann war er weg, plötzlich verschwunden wie ein Geist. Dieser Abend wird noch lange nachwirken bei allen, die dabei waren.




Sonntag, 19. Juli 2015

"Bianca e Falliero": Erfolgreiche deutsche Rossini-Erstaufführung in Bad Wildbad

Großer Beifall für Victoria Yarovaya (Falliero), Cinzia Forte (Bianca) und Kenneth Tarver (Contareno)
Der Opern-Schwitzkasten Alte Trinkhalle Bad Wildbad hatte am 18. Juli ein Highlight des diesjährigen Rossini-Festivals im Schwarzwald: die deutsche Erstaufführung von "Bianca e Fallliero" (Bianca und Falliero, Uraufführung 1819 an der Mailänder Scala) des großen Gioacchino Rossini. Der hat in Wildbad mal eine Kur gemacht und wurde mit Feder, Tinte und Notenpapier gesehen. Deshalb ließ der württembergische König hier ein winziges Kurtheater zu seinen Ehren bauen und in der Sommerfrische seine Opern aufführen. Das Festival knüpft seit gut 25 Jahren an diese Tradition wieder an. Intendant Jochen Schönleber hat international renommierte Festspiele daraus gemacht - durch hohes Niveau, aber auch durch wissenschaftliche Gründlichkeit beim Ausgraben von Opern Rossinis und seiner Zeitgenossen, die in Vergessenheit geraten sind.
Diese Originaltreue und damit verbundene CD-Aufnahmen sind musikhistorisch einmalig, haben aber auch eine Schwäche: Streichungen, die vor allem bei unzeitgemäßen Überlängen, Wiederholungen und Girlanden sonst unvermeidlich und eine Wohltat fürs Publikum wären, entfallen da natürlich. Die Länge der Aufführung - über drei Stunden netto, mit Pause und Unterbrechungen durch Applaus fast vier Stunden, ist vor allem bei hohen Temperaturen in der größeren Spielstätte Alte Trinkhalle eine hohe Belastung für den Kreislauf aller Beteiligten. Vor allem ältere Opernfans leiden oder bleiben inzwischen auch ganz weg, weil sich die alte Holzbaracke gegenüber dem alten Kurtheaterchen entsetzlich aufheizt und keine Klimaanlage besitzt. Diese musikalisch hochwertige Langzeit-Sauna ist nicht bekömmlich und schmälert den Genuss am Musiktheater erheblich, ebenso wie die vollkommen unzureichenden sanitären Anlagen.
Dabei ist dieser musikalische Genuss wirklich enorm: Weltklasse ist der langjährige Dirigent Antonio Fogliani ebenso wie das Orchester Virtuosi Brunenses und der Camerata Bach Chor Posen. Zu den Spitzensolisten des Belcanto gehören auch immer wieder die Sänger der Hauptrollen: diesmal Kenneth Tarver als böser Vater Contareno, der seine Tochter Bianca, hervorragend gesungen und gespielt von Cinzia Forte, in eine Zweckehe mit dem honorigen, aber ungeliebten Senator Capellio zu zwingen sucht (sehr überzeugend: Baurzhan Anderzhanov). Ein trotz aller altmodischen Verstocktheit in patriarchalischen Konventionen vielschichtiger Charakter, der eine große Bandbreite an Gemeinheiten bei Erpressungsversuchen gegenüber der Tochter und einer intriganten, gewalttätigen Vernichtungsstrategie bei deren Liebhaber Falliero an den Tag legt. Erst der Schwiegersohn in Spe wendet das Blatt, weil er das alles nicht mehr erträgt. Respekt vor dem Gesetz und der Liebe haben alle, nur nicht Contareno. Die Partie ist nicht sympathisch, aber Tarver sang sie mit einem Tenor wie aus geschliffenem Stahl, makellos, in Höhen und Tiefen gleichgermaßen sicher und kraftvoll. Entsprechend groß war auch sein Anteil am Schlussbeifall.
Alle Solisten, auch die Senatoren Capellio und Loredano, sangen trotz atemberaubend stickiger Luft auf der Bühne unter den Scheinwerfern hervorragend, virtuos und sicher. Schöne Stimmen durch die Bank, die leider bei (gottlob seltenen) Arien durch die gezierten, nicht enden wollenden Koloaturen nach fast jedem einzelnen Takt leiden; aber das ist nicht die Schuld der Sänger, sondern des Komponisten. Besonders die Hosenrolle des Falliero war mit der Sopranistin Victoria Yarovaya auffallend gut besetzt.
Primo Antonio Petris inszeniert das scheußlich pathetische Libretto des Melodrams nachvollziehbar als höchst aktuelle Zwangsehen-Problematik. Die Liebe Biancas zu dem siegreichen General Falliero (warum sind diesen Librettisten, hier Felice Romani von der Mailänder Scala, immer so entsetzlich dumme Namen eingefallen?) schafft eine Spannung, die auch in Otello, Tancredi und anderen Opern von tragender Bedeutung ist: Leidenschaft gegen Staatsräson, Liebe gegen Vernunft und Gehorsem, das zog damals immer und ist wohl zeitlos. Rossini fand das Textbuch gut, aber das muss man heute nicht mehr durch die Bank so sehen. Viel Schwulst, viel nationales Pathos von der Republik Venedig, viele Ahs und Ohs, Ausrufezeichen in Endlosschleifen. Da täte eine moderne Bearbeitung not.
Von zeitloser, teils umwerfender Schönheit sind vor allem die zahreichen Ensemblenummern: Duette, Terzette, Quartette mit und ohne Chor. Und die kamen auch wunderbar über die Bühne, z.B. im Quartett "Importuno, in quel momento", wenn Falliero zum Beginn des kleinen Finales am Ende des ersten Aktes die geplante Hochzeitsfeier von Bianca mit Falliero unterbricht und alle Beteiligten einem Sturm der Gefühle freien Lauf lassen. Das war Rossini vom Allerfeinsten: einfach großartig, auch die Unterstützung der musikalischen Emotionen durch den Chor und das Bühnenbild mit einem Schwarzweißfilm, der ein Schiff in schwerer See zeigte.
Der begeisterte Schlussbeifall fand erst durch allgemeine Erschöpfung ein Ende. Bravos, Standig Ovations für alle, vor allem aber für den Dirigenten, das Liebespaar und den bösen Papa. Dass dazu ein Feuerwerk für eine echte Hochzeitsgesellschaft beim alten Kurhaus einsetzte, war nicht Teil der Regie, passte aber ganz hervorragend dazu. Da muss jemand rechtzeitig sein  Handy wieder eingeschaltet haben.


Donnerstag, 9. Juli 2015

Alte Musik für junge Leute: "Händel Goes Wild" in Ludwigsburg

Der Star des Abends: Nuria Rial (Foto: Merce Rial)
Um das Wichtigste gleich zu sagen: Für eine fachliche Kritik dieses Konzerts fühle ich mich nicht kompetent genug. Ich kann aber trotzdem nicht die Klappe halten, weil ich einfach großartig finde, was Christina Pluhar mit ihrem Ensemble "L´Arpeggiata" bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen am 8. Juli im Forum am Schlosspark gemacht hat. Die Grazerin ist jedes Jahr gut für mindestens eine überraschende Interpretation Alter Musik. Diesmal also war die Idee, den Bach-Zeitgenossen Georg Friedrich Händel aus der verstaubten Ecke des Etiketts "Alte Musik" zu holen, die eher etwas für alte Leute ist. Mit den Solisten Valer Sabadus (Countertenor), Nuria Rial (Sopran) und Gianluigi Trovesi (Klarinette und Saxophon) und einer veritablen Jazzband wurde das Ensemble aufgemotzt, aufgemischt und gerockt. Die Musiker an ihren historischen Instrumenten fingen an zu wippen und zu schnippen, dass es eine Freude war. Natürlich wurde Händel gespielt und gesungen; aber das waren eben die üblichen, meist getragenen Wolken melancholischen Wohlklangs in Ouvertüren, Arien und Duetten seiner Opern "Amadigi die Gaula", "Semele", "Il trionfo del Tempo de della Verità", "Alcina" und "Rinaldo", für die sich die Jungen sonst eher gar nicht interessieren. Doch waren sie zahlreich vertreten und reagierten teilweise so euphorisch wie bei einem reinen Jazzkonzert.
Das war´s aber nicht, sondern eben bloß eine Mischung und Aufbereitung des Barocken - aber toll gemacht vom Ensemble "L`Arpeggiata", den famosen Perkussionisten Sergey Saprychev und David Mayoral (die sich wunderbar die Klangbälle zuspielten), Boris Schmidt am zweiten, ganz jazzigen Kontrabass und dem Jazzpianisten Francesco Turrisi.
Für mich aber war der Star des Abends Nuria Rial. Die katalanische Sopranistin hat eine glockenklare, samtweiche Stimme von großem Volumen (Bandbreite war vom Komponisten hier weniger gefordert). Sie klebt nicht ständig im Vibrato wie die römische Diva Cecilia Bártoli, die bisher als Maßstab des barocken Belcanto gilt, sondern bevorzugt klare Melodiebögen und hält sie auch durch ohne zu gickeln. Was man von Valer Sabadus nicht immer sagen kann. Der Rumädiendeutsche hat eine herrliche Stimme, war aber an diesem Abend nur in den Duetten mit der Rial auf der Höhe seiner Möglichkeiten und tuckte oft ziemlich geziert herum. Mein Gott, wie herrlich, stark und frei hat er 2013 das "Stabat mater" von Pergolesi mit seinem französischen Kollegen Philippe Jaroussky gesungen! Das war diesmal aber nur Erinnerung. Nuria Rial und die Instrumentalisten haben´s rausgerissen. Das war, alles in allem, ein toller Konzertabend voller Überraschungen. So bekommt man auch mit Alter Musik die großen Säle nicht nur voll, sondern auch Skeptiker zu echter Begeisterung.



Sonntag, 5. Juli 2015

Spaltung der AfD kommt, rechtsradikales Potenzial wächst

So, jetzt ist Gründervater Bernd Lucke also als Vorsitzender der AfD zurückgetreten und Pegida-Versteherin Frauke Petry hat das Ruder übernommen. Lucke hat die Büchse der Pandora geöffnet, und jetzt frisst ihn das Geziefer, das da herauskriecht. Aber damit ist die rechtsradikale Bedrohung nicht vom Tisch. Sie wächst in Deutschland trotz der absehbaren Spaltung der AfD weiter und lauert wie in Griechenland auch in ganz Europa gleich hinterm Horizont.
Die Republikaner sind von der Bildfläche verschwunden und die NPD schwächelt im Halb-Untergrund; aber mit der AfD und der Pegida-Bewegung zusammen haben wir ein stark gestiegenes Rechts- bis Neonazi-Potenzial. Da muss nur mal jemand kommen, der mehr Charisma hat als dieser Lucke, und dann wird mir richtig übel. 
Problem Nr. 2 ist die Wahlverweigerung: Das ist Systemverweigerung und damit zwar nur indirekt verfassungsfeindlich, aber nicht weniger gefährlich. Im Prinzip verdächtige ich alle Nichtwähler des rechten Mitläufertums. So weit es Linke sind, spielen sie wirklich die Rolle der nützlichen Idioten. Die Ursachen liegen auf der Hand: Korruption und Überheblichkeit bei großen Teilen der Wirtschaft und der politischen Elite beim Umgang mit Recht, Gesetz und Bürgerwillen. Wenn wir diesen steten Zufluss an Gründen für die Unzufriedenheit mit Demokratie und Rechtsstaat nicht gestoppt kriegen, fliegt uns ganz Europa um die Ohren.

Samstag, 4. Juli 2015

Herbert Blomstedt entfesselt das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart

Draußen 36 Grad Celsius, drinnen im Saal zugunsten von Musikern und Instrumenten ein eher gemäßigtes Klima. Trotzdem bewegte sich der Gastdirigent Herbert Blomstedt aus den USA mit präziser Sparsamkeit. Der Mann ist fast 88 Jahre alt, aber man sieht dem jungenhaft wirkenden Sohn schwedischer Eltern nur die Freude am Musizieren an. Mehr als einmal zaubert die Reaktion des Orchesters auf seine Gesten ein feines Lächeln ins Gesicht: Geradezu entrückt und doch ganz und gar gegenwärtig. Blomstedt, so liest man im Programmheft, hat für die Gesamteinspielung von Anton Bruckners Sinfonien mit dem Leipziger Gewandhausorchester 2013 den International Classical Music Award erhalten. Die 9. leitete er an diesem Abend aus dem Kopf, und das Orchester wuchs dabei über sich hinaus.
Sebastian Manz, der junge Solo-Klarinettist des RSO, machte den furiosen Auftakt mit dem farbigen Klarinettenkonzert von Carl Nielson und einer Virtuosität, die das Publikum schon vor der Pause begeisterte. Mit unglaublicher Luft und präziser Technisk beherrscht Manz sein Instrument und kommt gegen ein ganzes Orchester in voller Besetzung scheinbar mühelos an. Verspielt und verschmitzt interpretiert er auch eine kleine, aber feine Zugabe von Strawinsky aus den "Drei Stücken für Klarinette solo", die an "Peter und der Wolf" erinnern.
Doch der Höhepunkt des Abends war Bruckner, dessen unvollendete letzte Sinfonie sich wirklich anhörte wie "für den lieben Gott geschrieben" (so die mündliche Überlieferung): voller Sehnsucht, volkslied-inspiriert, wuchtig und kontrastreich. Die orchestrale Kraft dieser Klangorgie entfaltet sich in Wiederholungen und schnellen Streicher-Rhythmen oder starken Bläsereinsätzen beim Tutti. Und sie läuft aus wie die Lebenskraft des Komponisten in einem sanften Adagio, das den Atem anhält. Nach diesem Abschied herrschte über zehn Sekunden lang absolute Stille im Saal, bevor tosender Beifall losbrach. Bravissimo!



Dienstag, 23. Juni 2015

Das Trauerjahr beginnt: Die letzte Spielzeit des Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR

Stéphane Denève (l), Manager Felix Fischer, ein Musiker
Heute haben Chefdirigent Stéphane Denève, Orchestermanager Felix Fischer und einer der Musiker Bilanz gezogen und die letzte Spielzeit des RSO vorgestellt. In einem Jahr ist dann Schluss und es wird Zeit sein, das neue, fusionierte SWR Symphonieorchester Stuttgart vorzustellen, für das es noch gar keinen Chef gibt. Denn Denève geht definitiv nächstes Jahr nach Belgien und in die weite Welt. Er ist immer gegen die Fusion der Klangkörper aus Freiburg und Stuttgart gewesen und tritt nicht mehr an.
Trotzdem trennt man sich nicht im Zorn. Eher in Trauer. Und das Programm der letzten gemeinsamen Spielzeit reflektiert etwas von dieser Trauer. Wie ein roter Faden zieht sich die Thematik von Abschied, Tod und Aufererstehung durch das Programm: Bruckner, Schönberg, Alban Berg, Gustav Mahler und vor allem Detlef Glanert setzen Akzente: Am 20./11. Dezember wird eine Auftragskomoposition mit dem durchaus ironischen Titel "Megaris - Seestück mit Klage der toten Sirene für Orchester und wortlosen Chor" im 4. Abonnementkonzert in der Stuttgarter Liederhalle gespielt. Da sind Solisten des SWR Vokalensembles dabei, mit denen der Chefdirigent immer ein enges Verhältnis hatte.
Es gibt Berufenere, die Amtszeit vo Sir Roger Nortingtons Nachfolger angemessen zu würdigen. Er hat musikalisch viel für die deutsch-französische Freundschaft und die Erweiterung des Repertoires getan, die Neue Musik, die Arbeit mit Jugendlichen und neue Konzertformen wie Sinfoniekonzerte in der Mittagspause oder Klassik After-Work gefördert. Aber für wen dieses erweiterte Repertoireerarbeitet wurde, ist noch unklar. Ein neuer Chef und ein neues Orchester werden wohl wieder einiges ändern.
Es blieb jedoch feststellbar: Außer dieser Aura von Melancholie, die auch in der offiziellen Pressekonferenz des SWR nicht zu überspielen war (was auch keiner der Beteiligten wollte), gibt es auch einiges zu genießen - und zwar für Musiker wie Publikum gleichermaßen. Das Programm, ohne jetzt durch Aufzählungen langweilen zu wollen, ist opulent und hervorragend. Und die Musiker selbst freuen sich noch auf letzte Reisen nach Wien, London und eine große Asien-Tournee.
Die letzte Spielzeit wird also eine Art ausgelassene Trauerzeit werden. Und wir einfachen Musikfreunde dürfen in vielem daran teilhaben. Doch das letzte, das wirklich allerletzte Konzert dieses Klangkörpers aus Stuttgart wird es am 28. Juli 2016 bei den BBC Proms in der Londoner Albert Hall geben. Da dirigiert Sir Roger Norrington, falls er gesund bleibt, weil er dort ja zu Hause ist und die alte Liebe ungebrochen. Stéphane Denève ist dann schon nicht mehr dabei.



Samstag, 20. Juni 2015

Der Stuttgarter Wasserwerferprozess: ein Offenbarungseid der Justiz

Jürgen Bartle & Dieter Reicherter: Der Schwarze Donnerstag: Unerhört. Ungeklärt. Ungesühnt. Der Stuttgarter Wasserwerfer-Prozess. Bartle und Reicherter Redaktionsbüro GbR (Bestellung per Mail: bartle_und_reicherter@t-online) und KONTEXT:Wochenzeitung, 239 Seiten, 19,80 €

Penibel genau, beharrlich und sachkundig haben Jürgen Bartle, ehemals Chefreporter der Stuttgarter Nachrichten, und der pensionierte leitende Richter Dieter Reicherter einen Prozess beobachtet, der in mehrfacher Hinsicht ein Skandal war: Erstens, weil er mit vier Jahren Verspätung kam - nach langen Verhinderungsversuchen aus Politik, Polizei und Justiz und zwei Untersuchungsausschüssen im Stuttgarter Landtag. Prozesse gegen Demonstranten, denen man im gleichen Zusammenhang Straftaten vorwarf, folgten dagegen auf dem Fuß: Schnell und hart, ganz nach den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft.
Zweitens war der Prozess ein Skandal, weil die vorsitzende Richterin das Prozessrecht ungestraft beugte und nicht nur die Berichterstattung massiv behinderte, sondern auch das Publikum u.a. durch Leibesvisitation extrem schikanös mit Terroristen oder Banditen gleichsetzte, sowie den Prozess letztlich vor der Vernehmung entscheidender Zeugen der Nebenkläger durch einen höchst fragwürdigen Vergleich vorzeitig beendete. Im Grunde erfüllen das voreingenommene Handeln der Staatsanwaltschaft, die gegen sich selbst ermittelte und Polizisten gegen Kollegen der gleichen Einheiten ermitteln ließ, sowie das Vorgehen der Richter den Tatbestand der gemeinschaftlichen Rechtsbeugung.
Drittens war der Prozess ein Skandal, weil er bewies, dass in Stuttgart Polizei und Justiz nicht unabhängig sind, sondern aus politischen Motiven mit zweierlei Maß messen. Hunderten von Vorwürfen gegen Polizei und Einsatzleitung wurde überhaupt nicht nachgegangen, weil Staatsanwaltschaft und Gericht mangels Kennzeichnungspflicht maskierte Polizisten nicht ermitteln konnten, die nachweislich rechtswidrig mit unangemessener Gewalt gegen Demonstranten vogegangen waren. Viele Forderungen der Nebenkläger wurden entweder nicht zugelassen oder verschoben, so dass sie beim plötzlichen Ende des Prozesses einfach unter den Tisch fielen.
Viertens besteht der Skandal darin, dass deswegen viele Opfer der amoklaufenden Staatsgewalt nun weder Entschädigung noch Schmerzensgeld erhalten werden, während die Täter z.T. massenhaft durch mehr als eigenwillige Definitionen geschützt wurden ("Verletungen durch Wasserwerfer sind nur am Kopf relevant" oder "Die Opfer traf eine Mitschuld, weil sie nicht weggegangen sind" - obwohlt sie ein Grundrecht ausübten, die Versammlung zu keinem Zeitpunkt aufgelöst wurde, manche sogar vergeblich versuchten, sich zu entfernen, und von der Polizei daran gehindert wurden).
Fünftens aber wurde durch den faulen Vergleich das Prozessrecht dergestalt missbraucht, dass künftige Prozesse unter einem eklatanten Mangel an Beweismaterial leiden werden: "Es gibt keinerlei gerichtliche Festellung zur Schuld der Angeklagten und zu den Beweismitteln"! Nach den gesetzlichen Vorschriften, so der erfahrene Jurist Reicherter, "enthalten die Hauptverhandlungsprotokolle des Landgerichts (ander als beim Amtsgericht) keinerlei Angaben über den Inhalt der Zeugenaussagen".
Ähnlich wie beim Großprojekt Stuttgart 21, an dem sich der ganze Streit ja entzündet hat, wurde also alles dafür getan, mit juristischen Tricks die fragwürdige Entscheidung für alle Zukunft unumkehrbar zu machen und die dafür Verantwortlichen jeder strafrechtlichen oder zivilrechtlichen Verfolgung zu entziehen. Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung Leiter der politischen Abteilung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft (natürlich ging er "aus gesundheitlichen Gründen" - mit diesem Gnadeninstrument nimmt die Politik bis heute treue Beamte aus der Schusslinie, die jede Sauerei mitgemacht haben) hat sich dabei besonders hervorgetan. Ob er am Ende, wie der gleichfalls frühpensionierte Stuttgarter Polizeipräsident Stumpf, schließlich noch selbst zur Verantwortung gezogen wird, ist daher völlig offen.
Die Autoren beschreiben nicht nur den Ablauf der Ereignisse selbst, sondern eben im Spiegel des Prozesses. Sie haben für die KONTEXT Wochenzeitung regelmäßig und ausführlich darüber berichtet und dann ein Buch daraus gemacht, das alle wesentlichen Daten, Fakten und Vernehmungsergebnisse zusammenfasst. Das Gericht hat durch das Verbot von Aufzeichnungsgeräten (anfangs durften Prozessbeobachter sogar weder Notizblock noch Stift mitbringen) zwar alles dafür getan, so etwas zu verhindern. Aber die Erfahrung des Journalisten und des alten Richters wog alle Schikanen auf.
Bartle und Reicherter geben dem Leser weit mehr als eine Gedächtnisstütze: Sie geben im Argumente, ja Beweise für eine aufrecht politische Haltung in einem Konflikt, der bis heute die Stadt spaltet. Und sie warten mit Kenntnissen auf, ohne die eine Bewertung des Prozesses (siehe Fünftens!) gar nicht möglich wäre. Hier ist ein Stück Zeitgeschichte geschrieben worden. Und die Autoren haben bewiesen, dass dieser Prozess der Offenbarungseid einer politisch willfährigen Justiz in Stuttgart war.

Sonntag, 14. Juni 2015

Zwei Ausnahmetänzer in Ludigsburg: Akram Khan und Israel Galván

Akiram Khan und Israel Galván (Foto: Jean-Louis Fernandez)

"TOROBAKA heißt auf Spanisch so viel wie "Stierkuh"; damit spielt das gleichnamige Programm der beiden Ausnahmetänzer Akram Khan und Israel Galván, das gestern bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen zu sehen - und zu hören war. Was auf den ersten Blick ins Programm anmutet wie eine alberne, banale Wortspielerei mit Tiermythen aus Spanien und Indien, entpuppt sich als ein neuer Weg der Tanzkunst. Und ich bin so verwegen, zu vermuten: Die hat mit Spanien und Indien eigentlich gar nicht mehr viel zu tun. Da brechen zwei herausragende Tänzer und Choreographen aus ihrem jeweiligen Kulturkreis erst auf und dann aus. Das Ergebnis ist etwas Neues und hat weder mit dem spanischen Stierkampf noch mit den Heiligen Kühen Indiens viel am Hut, obwohl der Titel TOROBAKA das unterstellt.
Freilich bleiben die Wurzeln erkennbar, das macht diesen Abend und den Prozess, der darin deutlich wird, so faszinierend: Das großartige Foto von Jean-Louis Fernández (oben) bedient diese Erwartung auch, aber es fängt gerade mal eine Sekunde aus 70 Minuten Programm ein. Der Spanier (links) macht dort den Stier und der Brite bengalischer Herkunft den Torero - sie spielen also gern mit ironisch verkehrten Rollen, auch wenn Khan, der grundsätzlich barfuß tanzt, in einer Sequenz Flamenco-Schuhe über die Hände gestreift hat. Mal knallt Galván mit den Flemencoschuhen und macht die klassischen, traditionellen Tanztschritte dazu, mal löst er sie auf in einem Wirbel von etwas anderem. Das ist der nordindische Kathak, einer von sechs klassischen Tänzen Indiens, der stets barfuß getanzt wird und ebenso seinen Mythen erzählenden Ursprung in Hindu-Tempeln hat wie das javanische Schattenspiel. Aber verstehen wird ihn hierzulande niemand. Uns erzählt er nichts.
Umso freier kann sich ein europäisches Augen auf die Bewegungen der beiden Tänzer konzentrieren. Dieser Tanz ist kein Balztanz zwischen Kuh und Stier, kein Konkurrenzkampf der Mythen, kein Stück Martial Art, sondern ein intensives, fließendes Miteinander, das die Klischees und Aggressionen eines "Clash of Zivilsations" ironisierend aufgreift und meditativ auslöst. Als "zwei Mönche im Kloster des Tanzes" hat Israel Galván dieses Duett bezeichnet und gleich bekannt, von Akram Khan unendlich viel gelernt zu haben. Aber die Beziehung der beiden Künstler erscheint als kongenial und gleichberechtigt.
Nicht vergessen darf man bei TOROBAKA die Rolle der Musik und der Musiker. Der Countertenor David Azurza, die Altistin Christine Leboutte, der Percussionist und Sänger B.C. Manjunath und das Flamenco-Faktotum Bobote sind integrale Bestandteile der Inszenierung. Sie machen eine karge, eindringliche, fast sakral wirkende Musik aus Trommeln, Händeklatschen ("palmas", die man vom Flamenco kennt), einer indischen Leier und Gesängen, die an bulgarische Frauenchöre erinnern. Virtuose Trommelwirbel und harte Schläge geben den wechselnden Takt vor, die sich häufig kreuzenden Stimmen von Mann und Frau sind von einer unglaublichen Präsenz, ernst, melodiös und unverständlich: Albanisch, Bulgarisch, Spanisch, irgendein indischer Dialekt, ein Gemisch aus all dem? Egal.
Diese Musik ist eine Sprache in musikalischen Universalien, so wie Khan und Galván sich in einer Universalsprache der Bewegung ausdrücken. Das Ganze ist ein Fest für die Sinne, pure Freude an der Bewegung, gefühlsintensives Miteinander. Wunderbar. Nur schade, dass im Forum am Schlosspark höchstens zwei Drittel der Plätze besetzt waren. Das Publikum quittierte die Darbietung mit vielen Bravos, lange anhaltendem Applaus und Standing Ovations. Den anderen kann man nur sagen: Leute, da habt ihr was verpasst!


Freitag, 5. Juni 2015

TRIMUM wird erwachsen: Das erste richtig große Konzert ist ein Erfolg

Der Hegelsaal der Liederhalle: Proppevoll am 4. Juni 2015
Da hat sich die Bachakademie etwas entgehen lassen: Kaum ist das dreijährige (daher lat. "Trimum") Projekt für interreligiöse geistliche Musik mit Juden, Christen und Muslimen vorbei, da gibt es beim Kirchentag in Stuttgart am 4. Juni 2015 einen Riesen-Erfolg. Bernhard König hatte seine Musiker auf das Thema "David" eingeschworen, wohl weil der biblische Musiker gut für ein Historiendrama und sehr vielseitige musikalische Anregungen ist. Allen drei monotheistischen Religionen hat er als Gegenstand intensiver Betrachtungen und als musikalische Inspirationsquelle gedient. Was dann zu hören war, ergab in fast zweieinhalb Stunden ohne Pause (ETWAS lang) folgerichtig auch kein reines Konzertprogramm. Der Abend begann mit einem Erzähler und bot dann in lockerer Folge alle Formen religiöser Musik entlang eines biographischen roten Fadens zu König David.
In bester Musical-Manier, teils an Carl Orff und Kurt Weill geschult, teils mit klassischen Melodien bewegten sich Instrumentalisten, der TRIMUM-Chor, der Oratorienchor Esslingen sowie etliche hoch virtuose Solisten in einem Trialog, dessen bestimmendes Merkmal Vielstimmigkeit ist. Ich wähle das Präsens, weil der TRIMUM-Chor, die treibende Kraft, im Stuttgarter Lehrhaus eine Institution geworden ist, nachdem er drei Jahre lang von der Bachakademie gefördert wurde. Projektleiter Bernhard König konnte dazu von Anfang an auf phantastische Netzwerker aus Musikern muslimischer, christlicher und jüdischer Vereine und Hochschulen zurückgreifen, vor allem der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Zum Schussapplaus gab es großen Jubel
Und was da zusammengewachsen ist, war eindrucksvoll zu hören und zu sehen: Keine Uniformität auf der Bühne, sondern bunte Vielfalt und internationales Zusammenspiel. Wer weiß, wie heilig die Koranrezitation den Muslimen ist, wird den Auftritt eines Vorbeters mit besonders schöner Stimme zu würdigen wissen: Gänsehaut pur, und nicht nur aus Furcht vor möglichen Reaktionen intoleranter Fanatiker. Zwar war "nur" die "Bismillah", die Anrufung des Barmherzigen, zu hören, die dem Koran und auch jedem Gebet voransteht, aber schon das war für viele sicher ein Erlebnis. 1000 Menschen füllten den Saal und spendeten  begeisterten Beifall, der nur nach dieser Darbietrung von großer Intimität unangebracht war. Von christlichen Chorälen (Bach, Mendelssohn) über arabische und türkiische Pilgerlieder oder Sufi-Melodien bis hin zu Synagogalgesängen und jiddischer Folklore reichte das stilistische Spektrum bekannter Melodien. Dazu kamen dramatische Eigenkompositionen von Bernhard König und Assaf Levitin sowie "Klangwolken" mit Elementen aller drei Stränge der Sakralmusik, die sich in großartigen Improvisationen trafen und wieder auflösten.
Es war sicher ein Glücksfall, dass dieses Konzert im Programm des evangelischen Kirchentags einen prominenten Platz fand. Aber die Leute hätten ja auch wegbleiben können. Stattdessen strömten sie in Scharen und reagierten durchweg überschwänglich. Da ist ein Konzept aufgegangen: Solche Musik berührt die Herzen, ganz gleich welcher Religion sie anhängen. Sie ist Gebet. Und das haben die Besucher gespürt - und noch etwas. Es war eine Weltpremiere: Noch nie gab es so ein religionsübergreifendes Projekt von solchen Ausmaßen und auf derart hohem professionellem Niveau - theologisch, philosophisch, musikalisch und poetisch.
Nach drei Jahren der Workshops, unermüdlicher Proben und unsicherer Zukunft kann man sagen: Das Projekt TRIMUM ist erwachsen geworden. Es hat nach etlichen kleineren Konzerten die erste große Feuerprobe bestanden und Ansätze eines ganz eigenständigen Repertoires entwickelt. Das wird vielleicht niemals fertig sein und immer in Bewegung bleiben, Aber das ist gut so. Dieser Zustand entspricht der Kunst, der Religion, den Menschen, die sich hier begegnen, und dem Leben überhaupt.



Abgeklärte Alterslyrik

SWR2 Buchkritik
Michael Krüger: „Ins Reine“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin. 110 Seiten, 16 €

Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist „Ins Reine“ der 16. Gedichtband von Michael Krüger. Der gelernte Verlagsbuchhändler aus Berlin arbeitete seit 1968 als Verleger bei Hanser in München und hatte am 9. Dezember 2010 seinen 67. Geburtstag. Da darf man ein Alterswerk vorlegen. Das fällt allerdings ziemlich frisch und frech aus, wie in „Tagesschau“:

Deutschland hat sein Geld verloren,
und wir sollen es, sagt der Sprecher,
wieder herbeischaffen, wenn auch
in drei Generationen. Außerdem
geht die Sonne unter um 19 Uhr 7.
Mord und Totschlag auf allen
fünf Erdteilen, die älteste Japanerin
hat sich vom Acker gemacht
und die ganze Welt mitgenommen.
Um 19 Uhr 10 ist es stockdunkel.
Der Autor beobachtet scharf, aktuell und genau. Und dann zieht er seine Schlüsse. Wie hier moralische, jahreszeitliche und ökonomische Finsternis in einem einzigen Bild beschrieben sind, das ist seit Jahrzehnten für Krüger-Gedichte typisch. Krüger war immer Zeuge, Weltbeobachter, auch in Naturgedichten. Da schwimmt die Zeit achtlos, da gibt es schludrige Wolken, und vor Gewittern ist das Wasser erregt und streitsüchtig. Die entlaubten Weinberge bei Tübingen sind eine „Takelage der Reben“, heißt es in einem Text für Georg Braungart. Michael Krüger lässt nicht einfach die Natur dichten, er kennt ihre Sprache und kann die dann übersetzen ins Menschenmaß. Da arbeitet etwas weiter beim Lesen oder Hören.

Lebensmüd arbeitet vor mir
das Holz vom vergangenen Jahr.
Wie totgeschlagen die Zeit,
wie geschwollen die Sprache.
Es mag Ihnen seltsam vorkommen,
aber auch Krähen haben ein Herz.
Das ist, in wenigen Worten,
die wahre Geschichte meines Lebens.
Da präsentiert sich eine schlichte, aber kraftvolle, weil genaue Sprache in natürlichen Rhythmen freier Verse, aber ohne Fisimatenten wie radikale Kleinschreibung oder den ach so modernen Verzicht auf Satzzeichen. Krüger hat es nicht nötig, durch die Verletzung von Spielregeln Aufmerksamkeit zu erschleichen. Er beherrscht sein Handwerk und macht kein Gewese darum.
Mit seinen Gedanken, seinen Wahrnehmungen und seiner Metaphernwelt ist es ähnlich. In diesen Gedichten begegnet dem Leser eine kleine Welt, eine äußerlich überschaubare und innerlich sehr weite Welt. Diese Welt scheint darauf zu bestehen, in ihrer Besonderheit wahrgenommen zu werden. Der Dichter bringt sie zur Sprache, wie sie ist. Vielleicht ist dies das Magische an der Poesie, eine Art drittes Auge, mit dem man hinter die Dinge blicken kann. So im Titelgedicht „Ins Reine“.

Ich sehe das, was ich nicht mehr bin,
aber ich sehe nicht mich.
Ein Apfel rollt vom Tisch
und bricht, wie Wörter brechen,
wenn man sie lang nicht benutzt.
Überlaß es den Vögeln, das Gekrakel
ins Reine zu schreiben, auf sie ist
Verlaß.
Ganz gelegentlich kommen ein paar dieser Verse ein bisschen breitbeinig oder dicke daher. Das haben auch Sprüche von Altpolitikern wie Helmut Schmidt oder Heiner Geißler so an sich. Es ist ziemlich oft vom Tod die Rede, und der ist eben ab einem bestimmten Alter ziemlich nah, zumindest im Bewusstsein. Krähen, Friedhöfe, der Westfälische Friede, der Spätsommer gehören zu diesem Vokabular bzw. Bildrepertoire. Da wird die eigene Poetik noch einmal bescheiden zusammengefasst als „Antworten der Dinge“. Gelegentlich hört man „aus den Klöstern der Nacht unklare Stimmen“, da geht es um Stilleben, unser finsteres Zeitalter, eine kleine Kirche oder Gnade.

Das Wort Gnade ging
von Satz zu Satz und bat
vergeblich um Einlaß.
Gröbere und härtere Wörter
hatten die Stühle besetzt
und führten ein Stück auf,
das Wirklichkeit hieß,
eine Tragödie, ohne Pause
und mit großem Erfolg.
Ein Stück über einsame Wörter.

Das ist ein Alterswerk ohne jede Larmoyanz: ein bisschen pessimistisch, ein bisschen schalkhaft, auf unaufdringliche Art weise und durchweht von melancholischen, doch keineswegs depressiven Todes- und Abschiedsgedanken. So abgeklärt möchte man abtreten dürfen. Aber vielleicht schreibt er ja weiter.

Sonntag, 17. Mai 2015

Ein furioser Einstand: Jubel über Pietari Inkinen in Ludwigsburg

Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2015 mit "Kullervo"
Seit vielen Jahren schon war ein Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele kein solcher Publikumserfolg mehr. Der neue Chefdirigent Pietari Inkinen trat sein Amt am 15. Mai mit einem furiosen Einstand an, zu dem er einen Männerchor mit dem schönen Namen Ylioppilaskunnen Laulaajat aus seiner finnischen Heimat mitgebracht hatte. Schon dessen erster kurzer Auftritt mit zwei hierzulande völlig unbekannten Liedern von Jean Sibelius war eindrucksvoll: melodiös, kraftvoll und archaisch, orientieren sie sich am traditionellen finnischen Runengesang. Was auf Mitteleuropäer fremd wirkt an der finnischen Sprache, war hier in Rhythmus und mehrstimmigen Wohlklang von einer Kraft geronnen, die man auch in russischen Volksliedern findet. Die ebenfalls traditionelle Eröffnungsrede zum Festival-Motto "Identität" hielt Cem Özdemir. Der Bundesvorsitzende der Grünen ist in Bad Urach an der Schwäbischen Alb geboren, hat anatolische Wurzeln und ist mit einer Argentinierin verheiratet, konnte sich also mit Charme und Recht als Fachmann für kulturelle Vielfalt präsentieren: "Vom Mischen verstehe ich wirklich was". Nicht eine Identität, die bis aufs Blut mit anderen konkurriere, sondern viele Identitäten machen sowohl den einzelnen Menschen als auch die Gesellschaft aus - in Deutschland, aber vor allem in Baden-Württemberg mit dem hohen Migrantenanteil seiner Städte.
Pietari Inkinen
Im Sine dieser Wahrheit und dieses Mottos hat der neue musikalische Leuter der Festspiele gleich zu Beginn deutliche Akzente gesetzt. Gerade durch seine finnischen Freunde ist er ganz und gar in Schwaben angekommen - aber auch beim Publikum. Noch vor der Pause präsentierte er sich auch als Violinvirtuose und Solist - mit einem urdeutschen Musikstück. Zusammen mit Gustavo Surgik, dem brasilianischen Geiger, der seit 2000 Konzertmeister des Festivalorchesters ist, spielte er das Doppelkonzert für zwei Violinen d-Moll von Johann Sebastian Bach. Ihre Interpretation war mehr als eine bloße Verbeugung vor einem Leuchtturm der deutschen Musikgeschichte, sie war in ihrer emotionalen Intensität und virtuosen Aneignung auch ein Stück gelebte Integration. Dass die keine Einbahnstraße ist, zeigte sich noch schöner nach der Pause.
Das Festspielorchester mit Inkinen am Dirigentenpult, der finnische Männerchor unter der Leitung von Pasi Hyökki, die Sopranistin Helena Juntunen und der Bassbariton Jorma Hynninen stellten eine Aufführung des "Kullervo" auf die Bühne, die Sibelius 1882 zum Nationalkomponisten Finnlands machte und 2015 das Publikum in Ludwigsburg zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss: Was könnte mehr geeignet sein zu einer großartigen Feier der Vielfalt? Das anderhalbstündige Stück war eine optimale Wahl zu diesem Anlass. Angeregt durch das finnische Nationalepos "Kalevala", erzählt es die Geschichte des tragischen Helden Kullervo nach in Form einer archaischen Sinfonie mit Männerchor und Gesangssolisten.
Das "Kullervo" hat die dramaturgische Wucht, die lyrische Feinnervigkeit und musikalische Kraft der "Carmina Burana" von Carl Orff, der ja ebenfalls mittelalterliche Quellen nutzte. Es ist ein tragisches Werk, in dem viel Blut fließt, und das Teil der finnischen Identität im Freiheitskampf gegen russische Großmachtinteressen wurde - auch über die staatliche Unabhängigkeitserklärung Finnlands im Jahr 1917 hinaus. Wie ein deutsches Orchester, darin auch Musiker aus mehreren asiatischen und anderen Ländern, sich dieses monumentale Werk angeeignet haben, verdient mehr als Respekt; das war einfach großartig.
Das Publikum bedankte sich für dieses Fest der musikalischen Integration und kulturellen Regenbogen-Identität auf höchstem Niveau mit begeisterten Bravo-Rufen und lang anhaltendem Applaus. Es war ein Jubel, bei dem wohl auch ein wenig die Erleichterung über das Ende einer lange Durststrecke des Festivals seit dem Ende der Ära Wolfgang Gönnenwein mitschwang. Intendant Thomas Wördehoff, der das Festival neu aufgestellt hat und mit seinen Neuerungen nicht immer ungeteiltes Lob bekam, wirkte danach ebenso glücklich und gelöst wie Künstler und Publikum: Ein Auftakt nach Maß, wie er besser nicht hätte gelingen können. Chapeau!



Freitag, 17. April 2015

Ein überfälliger Debattenbeitrag von Manfred Schlapp: "Islam heißt nicht Salam"

Manfred Schlapp: „Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die muslimische Welt“, Offizin Verlag Zürich, Februar 2015, 378 S., 29 €
© Widmar Puhl

"Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die islamische Welt" von Manfred Schlapp ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Lesebuch, weist aber schon im Titel auf ein Aggressionsproblem hin. Es erweist den Autor als Islamwissenschaftler und Koran-Kenner, der die Kultur der islamischen Welt bewundert. Sein Wissen darüber hat er in zahlreichen Reisen durch die islamische Welt vertieft. Der Philosoph und Publizist hat unter anderem Koran-Arabisch studiert und breitet ein profundes historisches Wissen aus. 170 gleich kurze, im Prinzip unabhängige Essays zu Stichworten wie „Osman“, „Mohammad Ahmad alias Mahdi“, „Dschihad“ oder „Hidschra“ sind in neun Kapiteln zusammengestellt.
Man kann sie unmöglich alle hier angemessen würdigen, wohl aber Tendenzen feststellen. Was wir den Arabern verdanken, die 700 Jahre lang Spanien beherrschten, aber auch den Türken, die Europa einst in Angst und Schrecken versetzten, darf nicht vergessen werden: Bewässerungstechnik, Hygiene, Medizin und Wissenschaft oder die Rettung der Schätze aus der griechischen Antike sind Beispiele dafür.
Historischen Rückblicken auf die Ursprünge des Islam in Qumran, Judentum, Christentum, Mekka und Medina ist breiter Raum gewidmet, aber auch der Entstehungsgeschichte des Korans. Der war nun einmal nicht, wie viele Korangelehrte wider besseres Wissen gern behaupten, von Anfang an in einer kanonisierten Einheitsfassung da. Das angeblich unantastbare Wort Gottes erwies sich sogar als extrem antastbar durch seine Interpreten. Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse“ erinnert daran. Reaktionäre Geistliche reagieren ja gerade deshalb mit Schaum vor dem Mund auf jede historisch-kritische Koranforschung, ganz gleich ob von Muslimen oder Nichtmuslimen.
Wunderbar, mit wie viel Witz, Sach- und Sprachkenntnis Schlapp die heute vorherrschenden Auslegungen des Korans als Mythen autoritärer orientalischer Märchenerzähler für Analphabeten bloßstellt! Klar, dass extreme Buchstabengläubigkeit auf dieser Grundlage das größte Hindernis für Fortschritt und Aufklärung in der islamischen Welt ist. „Welcher Moslem weiß, dass der Gesichtsschleier urspünglich das Antlitz sumerischer Tempelhuren verhüllte? … Das machte Sinn: Die Jungmänner, die im Tempel ihren Hormonspiegel senkten, sollten die Damen in der Öffentlichkeit nicht wiedererkennen. Welchen Sinn haben heute der Tschador, der Frauen wie Nonnen aussehen lässt, der Niqab, der sie bis auf einen Sehschlitz ganz verhüllt, oder die Burka, die nicht einmal diese Freiheit lässt? 
Für den frommen Propheten Muhammad war dreierlei der Inbegriff der Versuchung: Bilder, obwohl schon im Alten Testament steht, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf; Poesie, weil Dichter Konkurrenten der Offenbarung um die Deutungshoheit über die Welt und das Leben sind; und Frauen. Warum, wo er sie doch so liebte, bleibt sein Geheimnis. Bilder, Poesie und Frauen verbindet aber außer der Feindschaft Muhammads bzw. der Islamisten noch etwas: sie erlauben keine eindeutige Interpretation! Sie stehen für Vielfalt und Mehrdeutigkeit und stellen etwas dar, das die Fanatiker ausschließlich der göttlichen Offenbarung zuschreiben bzw. dem, was sie dafür halten – ganz schön verwegen, diese Eifersucht. Sie ist besitzergreifend wie Gott selbst, mit dem sie sich verwechselt: welche Hybris! Nicht weniger anmaßend wäre aber, deshalb gleich die ganze Religion oder gar alle Religionen in die Tonne zu treten.
Über die islamische Begriffswelt kann man auf so wenig Raum kaum mehr sagen als Schlapp. Wer nur darin zu Hause ist und nichts anderes wahrhaben will, findet in zahlreichen Koranversen auch Rechtfertigung, ja Aufrufe zu Mord und Totschlag im Namen Allahs, des Barmherzigen. Wer den Koran nicht im historischen Kontext lesen und bewerten kann oder will, missbraucht ihn jedoch. Nichts ist trefflicher geeignet, schlichte Gemüter politisch aufzuhetzen, als eine solche Religion, vor allem wenn ihr, wie dem Islam, das Politische schon in die Wiege gelegt war. Aber nichts ist auch übler als so ein kalkulierter Missbrauch der Religion.
Dieses Buch geht kritisch, aber nicht einseitig den Quellen der rückständigen, gewalttätigen, chauvinistischen, fremdenfeindlichen, teils faschistischen Traditionen im Islam nach. Menschenrechte gibt es bei orthodoxen Gläubigen nur für männliche Muslime. Ungläubige, Andersgläubige, Frauen und Sklaven sind davon ausgeschlossen. Dazu findet man nicht nur sachdienliche Hinweise, sondern auch die Erklärung für aktuelle Probleme mit dem politischen Islamismus. Wohltuend klar sind Schlapps Positionen, deren Zivilcourage nichts gemein hat mit jener fatalen naiven Unwissenheit, die aus Toleranz Selbstaufgabe macht und Gegnern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in die Hände spielt. Religionsfreiheit darf aber nicht zur Narrenfreiheit der Scharia verkommen. Das Mittelalter ist vorbei, und es liegt an uns Bürgern, dass das auch so bleibt. 
Bei der Einschätzung des politischen Islam stützt sich Schlapp auf Autoritäten wie die türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek oder den Syrer Bassam Tibi. Der Autor von Büchern wie „Krieg der Zivilisationen“ oder „Im Schatten Allahs – Der Islam und die Menschenrechte“ ist nach eigenen Worten ein deutscher Verfassungspatriot. Er teilt die Ansicht von Hamed Abdel-Samad („Krieg oder Frieden“), die gegenwärtige politische und religiöse Führung der Mulime stehe Rechtsstaat und Demokratie feindlich gegenüber. Er fordert zu Recht Bündnisse mit weltoffenen, aufgeklärten Muslimen wie dem iranischstämmigen Navid Kermani („Gott ist schön“, „Schöner neuer Orient“) und seiner Frau Katajun Amirpur, die das Buch „Den Islam neu denken - Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ geschrieben hat. Er setzt sich für Humor und Meinungsfreiheit ein – also auch für politische oder religiöse Karikaturen, die den guten Geschmack verletzen.
Leider greift Schlapp auch Thilo Sarrazins faschistoides und rassistisches Buch "Deutschland schafft sich ab" auf, weil auch der die aggressiven Tendenzen im Islam erkannt und eine Diskussion ausgelöst hat: „Dem sozialdemokratischen Bestsellerautor Thilo Sarrazin sei Lob und Dank! Kaum hatte er seine Zahlen und Thesen auf den Tisch geknallt, ging dumpfes Geraune quer durch die deutschen Gaue“. Diese Art von Spott kann leicht missverstanden werden und nach hinten losgehen. 
Und mit Udo Ulfkottes Buch „SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas“ empfiehlt er einen der üblen islamfeindlichen Polemiker, der die irrationalen Ängste der PEGIDA-Bewegung vor einer angeblichen Islamisierung Europas inspiriert. Hier zitiert er populistische Statistiker, die bis 2050 einen muslimischen Bevölkerungsanteil von 30 Prozent befürchten. Nüchterne Analysen kommen in Deutschland dagegen auf maximal 7 Prozent in 100 Jahren. Angst vor Überfremdung ist aber bei solchen Prognosen ein schlechter Ratgeber und hat in Deutschland böse Anklänge an die Rhetorik von Neonazis. Politisch ist der Philosoph nicht immer der Weisheit letzter Schluss; schon Sokrates und Aristoteles waren politisch nicht unumstritten. 
Schlapp wurde 2007 von Bazon Brock und Peter Sloterdijk an die Universität Karlsruhe eingeladen. Dort nahm er als Dozent an dem Projekt "Profi-Bürger" in der Sektion "Diplom-Gläubige" teil und hielt anschließend eine Vorlesungsreihe über "Eine peripathetische Ästhetik der muslimischen Welt", aus der dieses Buch hervorgangen ist. In diesem durchgehend sachlichen Buch wirkt das hysterische, ja ordinäre Vorwort des Berufspolemikers Bazon Brock, dem sich Schlapp wohl verpflichtet fühlte, wie ein Fremdkörper. Das schadet dem Ansehen des seriösen Autors und seinem Buch enorm, weil es unseriösen Hetzern Munition liefert. Durch den Verzicht darauf würde jede Neuauflage gewinnen.
Ein großartiges Hilfsmittel zum weiterführenden Selberdenken ist der Buchtipp, den Schlapp am Ende jeder der 170 Miniaturen dem Leser gibt. Fehlt nur noch ein Register, um die Schätze dieses wertvollen Lesebuchs noch systematischer zu erschließen. Es ist ein überfälliger Beitrag zu Debatten, die uns noch lange begleiten werden: ein echtes Stück Aufklärung.

Sonntag, 8. März 2015

Zum "Internationalen Frauentag": Ein großer Roman übers Altern

"Unbarmherziges Glück" von Max Bläulich, Residenz Verlag St. Pölten, Roman, 395 S., 23,90 €


Das ist wieder so ein typischer Bläulich-Titel": Unbarmherziges Glück". Nach seinerebenso unbarmherzigen wie ironisch-tiefgründigen Gatterbauer-Trilogie über die österreichischen Variante der Kolonialzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hat der Autor nun das Fernrohr weggelegt und die Lupe ausgepackt. Wird auch die Perspektive kleinteilig, so ist doch die gleiche, österreichisch gefärbte Allgemeingültigkeit am Werk. Bläulichs Sprachgewalt ist auch mit Blick auf Salzburger Verhältnisse nicht geringer, und die Investition hat sich gelohnt. Sein neuer Roman lässt einen Ich-Erzähler, der durchaus autobiographische Züge zu tragen scheint, zwischen einer Pension voll schräger Vögel - etwa liebeshungrige Putzmädels, eine alterslose Wirtin, ein alternder Vertreter für Damenunterwäsche - und einem Altersheim pendeln, wo er zunächst nur€ die Lebensgeschichte einer typischen Bewohnerin aufzeichnet.
"Was mich im Asyl am meisten ärgerte, war das Geschmeiß", lautet der erste Satz. Und erst der zweite offenbart den doppelten Boden, den Kunstgriff, mit dem Tod und Leben hier zwangsverkuppelt werden: "Ungehindert surrten die Fliegen durch die sperrangelweit geöffneten Fenster. Hinaus, hinein, hin und her, setzten sich auf die Kuchen, auf die Butter, auf Schweiß und Kot".
Den Anfang der Geschichte, in der sich der Erzähler kunstvoll immer mehr verliert, ist die biographische Dokumentation über das Leben einer alten Frau, die irgendwie exemplarisch für den Niedergang der KuK-Monarchie und der Gesellschaft seither ist: Frau Berta, im Rumänien der Zwischenkriegszeit geboren, in Armut und Missbrauch aufgewachsen, wurde von den Wirren des Zweiten Weltbrandes nach Österreich gespült und kannte bis zum Schluss nur Demütigung, Schmerz und Elend. Sie war ihr Leben lang Putzfrau und Objekt sexueller Befriedigung, ohne je mehgr davon zu haben als geplatzte Träume, Misshandlungen, Ausbeutung und Vergewaltigung. Das Glück der Frau Berta war immer unbarmherzig.
"Alle, bei denen ich geputzt habe, waren mit mir zufrieden", erzählt sie. "Alle. ... Auf meine Hände und Knie hab ich nicht geachtet. Beim Fleischhauer Lorenz waren sie mit meiner Putzerei zufrieden. Auch in der Mühle, alles sauber und blitzblank, im Kaufhaus Hinterholzer in Oberndorf, im Bräustübel bei den Juden, bei der Frau Oberst Pullmann, bei der Humer-Tant (in einem Puff, der sich als Repassieranstalt tarnt und wo die junge Frau das Metier lernt) ... Habe immer geputzt, den Dreck der anderen weggeschafft. Hab mir nie auf mein Äußeres etwas eingebildet. Selbst wenn manchmal wer gesagt hart: Putzfrau? Eine so schöne Frau, haben Sie das notwendig?" - Nein, hätte sie nie gehabt, aber trotzdem lief´s beschissen, wie es die Männer so wollten.
Da lebt Thomas Bernhards Erbe, aber auch das von Karl Kraus. Im Nonntaler "Asyl", wie der Österreicher das einschlägige Altersheim für weniger betuchte Bürger nennt und damit gleich Assoziationen zu Asylbverwerbern schafft, ist ein Bestiarium humanum der Neuzeit. Der Biograph der Frau Berta wird schnell auch von anderen angesprochen: Tätowierten, Einarmigen, Pflegern, von denen viele erst die Pension und dann das Asyl bevölkern. Die Einwohner erzählen dem Ich-Erzähler ihr Leben, und der fängt an, sich unter all diesen verwandten und verwundeten Seelen heinisch zu fühlen. Er wandelt sich dadurch am Ende selber zum Asylbewohner und zieht konsequent dort ein, wo er bisher nur Besucher war. Kafka lässt grüßen.
Bläulichs Schilderungen der Armut in Galizien im Ersten Weltkrieg, an der sich bis heute kaum etwas geändert hat, erinnern an Joseph Roth: "Die wenigen in dieser Gegend verbliebenen Adeligen mit ihren kleinen Besitzungen waren verarmt, die Bauern arm, die Torfstecher, die Fischer arm, am die Jäger, die Knechte, die Mägde, die Brauer, die Handwerker, arm ein ganzer Gau mit Kleinhäuslern und Handlangern und Suffnigeln, die sich von der Schönheit dieses Landes nichts abzubeißen vermochten. Gegen die Schönheit der Töchter wurde rücksichtslos vorgegangen. Sie wurden durch die Vergewaltigungen und den anhaltenden Missbrauch ausgelöscht und schauten aus, als wären sie schon immer Huren gewesen, debil und verschlagen und krank."
"100 Jahre Einsamkeit" eines österreichischen Gabriel García Márquez sprechen aus dem Räsonnieren des Ich-Erzählers an Bertas Sterbebett: "Der Mensch ist, Frau Berta, so nennt man das, eine Win-win-Situation für Gott und die Einsamkeit. Und ich will nicht länger darüber reden, wer früher auf der Welt war, die Einsamkeit, Gott oider die Menschen, weil es auch möglich ist, dass die Menschen wegen der Einsamkeit Gott und die Engel erschufen, Frau Berta, das verstehen Sie nicht, das können Sie gar nicht verstehen, nicht einmal Schopenhauer oder Kant könnten das verstehen...".
Zwielichtig wie die Gestalten, die diesen großartigen Roman bevölkern, ist die Natur des Menschen. Und dafür hat Max Bläulich einen Blick, der Mitgefühl und Sarkasmus so genial miteinander vereint wie kaum sonst einer der zeitgenössischen Erzähler. Davor hat anscheinend sogar die österreichische Bischofskonferenz Respekt, die den einst so innovativen Salzburger Residenz Verlag gekauft hat und zwischen Erbauungsliteratur, Kunsthandwerk-und Gesundheitsbüchlein weiterhin die Roman dieses scharfzüngigen Grantlers druckt. Es dürfte ihr Schaden nicht sein. Max Bläulich verbreitet aufs Unterhaltsamste die Einsicht: Das Herz der Finsternis ist mitten zwischen uns. Humor hat er auch, und nicht zu knapp. Aber er sorgt immer wieder dafür, dass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Nur den Hsass einer Elfriede Jelinek oder eines Josef Winkler, den sucht man bei ihm vergebens.

Wie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart sein Publikum verliert



Stepháne Denève dirigiert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das Vokalensemble des SWR

Es ist schon schwierig, wenn nicht die Quadratur des Kreises, ein im Zustand der Fusion befindliches Sinfonieorchester zu Höchstleistungen zu motivieren, sich kreativ im Korsett einer nicht Mainstream-tauglichen Pflichtquote für Neue Musik zu bewegen und dann auch noch das Publikum zu begeistern. Das jüngste Abonnementkonzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR unter der Leitung von Stéphane Denève hat diesen Spagat recht ordentlich bewältigt. Die Musiker haben sich wacker geschlagen. Die Pflichtübung zum Auftrakt war "The Chairman Dances", ein eher schlichter Foxtrott für Orchester, der gern Filmmusik geworden wäre.
Jonathan Biss signiert
Zum Höhepunkt des Abends geriet dann Ludwig van Beethovens Klavierkonztert Nr. 4 G-Dur mit dem Solisten Jonathan Biss aus den USA. Trotz einiger Mühe mit den zugegebenermaßen teils sprunghaften Tempowechseln im ersten Satz lief das Orchester im zweiten zu ganz großer Form auf. Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatte der amerikanische Pianist, der mit viel Gefühl und doch zupackend den Dialog mit dem Orchester in die Hand nahm. Biss wurde seinem Ruf als bemerkenswerter Beethoven-Interpret mehr als gerecht und erhielt auch stürmischen Applaus.
Nach der Pause, in der Biss im Foyer CDs-signierte, ging es melancholisch weiter mit dem Adagio für Streicher von Samuel Barber. Dirigent und Orchester waren sich da nicht nur einig, sondern fanden sich in einem Stück von kongenialer Stimmung, einem Spiegel der eigenen Situation: Beerdigungsmusik auf höchstem Niveau. Die getragenen melodischen Klangwolken, die behutsamen Crecendi, das langsame Verlöschen, das war traurig und schön.
Unterstützung gab es am Ende vom SWR Vokalensemble bei Igor Strawinskis "Psalmensymphonie". Doch da war die Luft schon raus. Das Stück ist ohnehin eher als Filmmusik für einen Streifen über Vampire oder Untote geeignet, hat den Stil, aber nicht das Niveau und die Kraft der "Carmina Burana" von Carl Orff. Da waren Chor, Dirigent und Orchester unterfordert; eigentlich schade. 

Man hätte Jonathan Biss zurückrufen mögen; aber der war schon weg. Am Ende auch ein Großteil des Publikums: der Saal halb leer. Dabei wäre so etwas vermeidbar. Die Leute lassen sich halt nicht gängeln, selbst bei günstigen Preisen empfinden sie zu viel Musikerziehung als das, was sie ist - deplatzierte Pädagogik, die man besser "Umerziehung zugunsten zeitgenössischer Komponisten" nennen sollte. Ein über Gebühren finanziertres Orchester sollte den Geschmack seines Publikums nicht in solchem Ausmaß ignorieren, sonst folgt die Strafe auf dem Fuß.

Samstag, 28. Februar 2015

Frischer Wind aus Finnland bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Pietari Inkinen

Chefdirigent Pietari Inkinen stellt sich als als vielseitiger Neuerer vor.

Als Intendant Thomas Wördehoff am 27. Februar den neuen Chefdirigenten des Festivals und dessen Programm vorstellte, wehte ein frischen Wind aus Finnland in die schwäbische Barockresidenz hinüber. Pietari Inkinen rückt in seinem ersten Programm als Dirigent Musik aus seiner nordischen Heimat und aus Deutschland in den Mittelpunkt: Im Eröffnungskonzert am 15. Mai wird er zusammen mit Gustavo Surgik, dem Konzertmeister des Festspielorchesters, auch als Geiger auftreten und Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen spielen. Damit zeigt er eine hierzulande bisher unbekannte Seite. Außerdem wird an diesem Tag Jean Sibelius gespielt. Das passt zum Generalthema "Identität" in diesem Festspieljahr.
Im zweiten Konzert am 11. Juli stehen das "Sacre du printemps" von Strawinsky (das "Frühlingsopfer" ist die Vertonung eines blutigen nordischen Fruchtbarkeitsrituals) und erneut Bach auf dem Programm, zusammen mit der 8. Sinfonie des Finnen Einojuhani Rautavaara. Ein eruptives Konzert in der megalomanischen Orchesterbearbeitung von Leopold Stokowski im Stil der Zeit von 1940 bis 1960. Bei der nordischen Connection bleibt auch das dritte Ludwigsburger Sinfoniekonzert, das der freundliche neue Chef leiten wird:

Am 25. Juli steht Ludwigsburg mit dem Gestspiel des weltberühmten Stars Pinchas Zukerman ein besonderes Ereignis bevor. Der Violinvirtuose gehörte vor 20 Jahren zu den Lehrern des Geigers Pietari Inkinen. Wie der leutselig erzählt, erwies sich der große Musiker auch als Vorreiter des Online-Studiums. Weil er ständig in der Welt unterwegs war und Finnland bei der Einrichtung des Internets früh eine gute Netzqualität bot, gab der Maestro einem kleinen Kreis seiner Meisterschüler, zu denen auch Inkinen gehörte, alle zwei Monate eine Übungsstunde live im Netz. Inkinen: "Das war noch längst nicht so komfortabel wie heute bei Skype, aber immerhin". Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft, die immer wieder auch zu gemeinsamen Projekten und Auftritten führte. Diesmal wird Zukermann als Solist mit dem von Inkinen dirigierten Festepielorchester Beethovens Violinkonzert D-Dur spielen. Dazu kommt an diesem 25. Juli die Sinfonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch. Also immer schön nordisch, aber (auch "dank" Wladimir Putins Geisterpräsenz) jedes Mal anders.
Als Gastdirigenten, die "gut für die Elastizität des Festepielorchesters" seien, kündigte Inkinen André de Ridder an, der Werke des jungen Mozarts dirigieren soll, und Duncan Ward mit einem großen italienischen Abend der Arien und Ouvertüren von Verdi, Puccini und Donizetti. Hier darf es also südlich werden. Wirklich schade, dass die werktätige Bevölkerung zu großen Teilen nicht alles wird genießen können. Zumal es auch Jazz, Kammermusik, Tanz und Crossover-Projekte vom Feinsten gibt. Aber die Auswahl, so viel zeigt sich schon jetzt, ist wunderbar. Die Qual der Wahl wird entsprechend fürchterlich sein.

Sonntag, 15. Februar 2015

Nachruf auf den Dichter Wolfgang Rappsilber

Wir erfuhren es mit Verspätung und per Todesanzeige von Ursula Jetter, der jetzigen Herausgeberin der Lizteraturzeitschrift EXEMPLA:

Wolfgang Rappsilber, Lyriker und langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift EXEMPLA (gegründet 1974 in Tübingen), ist am 25. Januar 2015 im Alter von 84 Jahren in einer Reha-Klinik am Chiemsee gestorben. Er hatte schon seit eingen Jahren in München gelebt und den meisten seiner alten Freunde und Bekannten auch keine Adresse hinterlassen, deshalb verlor ich den Kontakt zu ihm. Dabei war der Grund seines Umzugs eine neue Liebe, und das spricht eigentlch gegen Depressionen. Nur starb diese Lebensgefährtin vor einem Jahr, und dieser Schlag zog ihn nur umso tiefer wieder ins schwarze Loch dieser Krankheit. Hinzu kamen ein Aneurysma und Probleme mit Herz, Lunge und Darm.
Wolfgang Rappsilber starb an den Folgen eines Sturzes am 19. Dezember, bei dem er sich das Hüftgelenk brach. Er war bis zuletzt auf seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit bedacht und lebte allein in der Münchner Wohnung, doch seine letzten Tage waren von großer Einsamkeit und nachlassender geistiger Präsenz überschattet. Er war vielen von uns älteren Autoren in Baden-Württemberg ein lieber, treuer, ständig rauchender, engagierter, wenn auch nicht immer einfacher Weggefährte. Zuletzt hatte er fast keine Kontakte mehr außer einer Putzhilfe und einer Betreuerin. Er litt unter seiner Armut und dem Fehlen adäquater Gesprächsspartner. Sogar das Geld fürs geliebte Kaffeehaus fehlte ihm zuletzt - und die Fähigkeit, Gedichte zu schreiben.
Fast alle Autoren aus Baden-Württemberg und etliche darüber hinaus brauchen bloß in ihren Bücherschrank zu schauen (ins Fach mit den Belegexemplaren eigener Publikationen), um seine Bedeutung zu ahnen: die Bedeutung eines Mannes, der 1930 in Frankfurt geboren, in Tübingen als "ewiger Student" der Fächer Germanistik und Philosophie hängen geblieben und als Verleger wirtschaftlich gescheitert, aber als Dichter geachtet und als Exempla-Macher geradezu eine Institution. Die einzige dieser Art in Baden-Württemberg, im Land der Dichter und Denker, wo man die Dichter und Denker heute gern der Sozialhilfe überlässt, wenn sie nicht Mainstream sind. Als Poet, als Autor drei Lyrikbände und vieler verstreut publizierter Einzelgedichte, hätte er weitaus mehr Leser verdient und ist zu Unrecht vergessen.

Vor vielen Jahren (zum 25. Bestehen der Exempla, also 1999) habe ich ein Feature über ihn und seine Arbeit bei SWR2 Wissen veröffentlicht. So ähnlich wie eine Würdigung liest sich allerdings in der Jubiläumsausgabe der EXEMPLA Literaturzeitschrift aus dem Jahr 2014 (Seite 20) ein Auszug daraus über die Gründungs-Situation der Zeitschrift, die Wolfgangs Lebenswerk war. Die Zeitschrift entstand in einer unruhigen Zeit extremen Bedarfs für Poesie und Diskurs. Heute wird dieser Diskurs von vielen ablegehnt, aber politisch wie auch sonst bleibt es mehr als zweifelhaft, ob man so eine Zeitschrift durch Facebook oder elitäre geförderte Zirkel wie den "Irseer Pegasus" jemals wird ersetzen können. Eines seiner Gedichte von 1999 möchte ich zitieren, weil es exeplarisch zeigt, wie luzide, aktuell, politisch und durchdacht seine Poesie war:

In den Maschinenzentren
Beschließen Stromstöße Bildungspläne
Kultur wird lieferbar
Dein Schlaf dir zugeteilt
Dein Koitus vorgeplant
Deine Leistung gemessen
Dein Wert bestimmt
Dein Tod vorausberechnet
Nach aufgestellten Kurvendiagrammen
Die Zukunft hat schon begonnen
Und morgen
Werden die Kistenbretter vernagelt sein
Über deinen Hoffnungen

- Was ich für eine offene Frage hate, so lange sich Kollegen an Wolfgang Rappsilber erinnern. Das Drama seiner letzten Jahre war wohl, dass er für eine neue Liebe seinen ganzen Freundes- und Bekanntenkreis im Raum Tübingen-Stuttgart aufgab. Hier hätte es ihm nicht an anregenden Gesprächen gefehlt - und wohl auch nicht an freundlichen Kollegen, die mal die Rechnung im Kaffeehaus übernehmen. Wolfgang war ein Intellektueller der aussterbenden Art - brillant und warmherzig, fernab des Mainstreams, aber konsequent und immer einer jener anregenden Gesprächspartner, die ihm zuletzt so sehr fehlten.