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Montag, 13. November 2017

Rossini mit der Degerlocher Kantorei in der Michaelskirche

Sonntag, 12. November 2017: Dieses Datum werden sich Musikfreunde in Stuttgart Degerloch merken. Denn in der evangelischen Michaelskirche sang die Degerlocher Kantorei  ungewöhnlich Anspruchsvolles: Mit der Bezirkskantorin Barbara Straub hatten sich die Sänger an die "Petite messe solenelle" von Gioacchino Rossini gewagt - nur einen Tag vor dem 149. Todestag des Komponisten. Der Spezialist für die Opera buffa des Belcanto hatte sich bei seinem letzten großen Werk ausgerechnet eine Messe vorgenommen. Die ist dann aber so typisch Rossini wie nur denkbar. Deutsche Kirchenmusik klingt anders, aber was soll´s? Blickt man vergleichend auf Mozarts Requiem oder C-Moll-Messe, erkennt man in der Bezeichnung "kleine Messe" als echte ironische Untertreibung. Ist es schon bemerkenswert, dass ein komisch orientierter Komponist plötzlich eine Messe schreibt, so ist es erst Recht Rossinis Dramaturgie, die große Chornummern hier nicht etwa gleichmäßig zwischen Arien verteilt, sondern zu Beginn und am Ende konzentriert hat. Ungewöhnlich und auffallend an diesem abendfüllenden Stück ist aber auch, dass es da Märsche in der Kirche gibt, und vor allem: Die erste Fassung war für Singstimmen mit Begleitung durch Klavier und Harmonium gesetzt, erst später schrieb Rossini eine Fassung für großes Orchester lediglich, damit niemand seine Singstimmen orchestral totschlagen könne.
Genau die Originalfassung von anderthalb Stunden Dauer mit Klavier und Harmonium war an diesem Abend in der überfüllten Michaelskirche zu hören. Am Klavier saßen Andrea Amman und Dieter Alber, am Harmonium Markus Ege. Um es gleich und ganz einfach zu sagen: Das Konzert war großartig und das Publikum zu Recht begeistert. Die Dirigentin Barbara Straub hatte alles bis ins Kleinste souverän im Griff. Alle Solisten, Sopranistin Ulrike Härter, Mezzosopranistin Sisu Lustig Häntsche, Tenor Christian Wilms und Bass Lucian Eller meisterten ihre Partien sicher und ausdrucksstark.
Der Chor glänzte durch präzise Einsätze und Perfektion, wuchs erkennbar über sich hinaus durch Probenfleiß und pure Freude am Singen. Am stärksten fand ich die Tutti-Nummern wie etwa den Kanon "Cum Sancto Spiritu" im Gloria. Sehr schön: sogar Details wie die italenische Ausprache des Lateinischen stimmten. Am Schluss gab es lang anhaltenden Applaus für die gekonnte Bewältigung einer echten Herausforderung. Hier wurde wieder einmal klar, was Hans-Christoph Rademann von der Bachakademie an der Stuttgarter Chorlandschaft so beeindruckend findet.

Sonntag, 12. November 2017

"Intellektuelle Wärmestube" lebt - gegen Widerstände

Autorenstammtisch im "Häusle"
Ebenfalls am Donnerstag, 9. November: Autorenstammtisch im Stuttgarter Schriftstellerhaus. Trotz Abwesenheit von Vorstand und Geschäftsführung und trotz kurzfristiger Ankündigung und Terminen bei den Stuttgarter Buchwochen etc. kamen mit mir immerhin sechs Kolleginnen &; Kollegen. Es war eine angeregte Gesprächsrunde über zweieinhalb Stunden. Traurig finde ich, dass der Autorenstammtisch vor Jahren abgeschafft wurde, weil ein Lokalpolitiker geätzt hatte, da würden Schriftsteller bloß auf Kosten der Stadt saufen. Unverschämt daran ist zweierlei: Die Diffamierung anständiger Steuerzahler und Kulturschaffender, deren Verein viel für das Kulturleben der Stadt tut, als Säufer auf Stadtkosten. Die Stadt bezahlt die Miete, um einen Nutzer für das unpraktische, aber denkmalgeschützte Haus zu haben, und wir haben unseren stets maßvoll genossenen  Wein immer selbst bezahlt. Zweitens aber ist es unverschämt, dass niemand die Autoren gegen solche Mobbingversuche aus dem Gemeinderat jemals wirklich verteidigt hat, jedenfalls nicht öffentlich. Seitdem sieht sich die Vereinsführung bemüßigt, ein Schriftstellerhaus ohne Schriftstellerstammtisch zu führen.
Wir Autoren sollten unser Hausrecht durch Anwesenheit, Mitgliedschaft im Verein und Teilnahme an Veranstaltungen auch aktiv wahrnehmen. Sonst wird es uns nämlich weggenommen, kaum dass einem Politiker ein Furz quer sitzt, obwohl es in der Satzung verbrieft ist: Das Haus soll eine "Begegnungsstätte und ein Forum für Autoren" in der Stadt sein. Der betreffende Lokalpolitiker ist längst nicht mehr im Amt, aber seine Gehässigkeit wirkt psychologisch bis heute nach.
Seit Jahren bemühe ich mich als Gründungsmitglied bei den Mitgliederversammlungen des Vereins, den Autorenstammtisch wieder zu beleben. Und jedes Mal wurde ich mit dem gleichen unzutreffenden Argument von einem traumatisierten Vorstand abgewimmelt, das sei alles sentimentaler Quatsch, im Internet-Zeitalter bräuchten Autoren keine persönlichen Treffen zwecks Kontaktpflege und Gedankenaustausch. Bullshit! Das Interesse beweist das Gegenteil.
Bei der letzten Versammlung habe ich gefordert, wenigstens dann einen offenen Stammtisch anzubieten, wenn die geplante Ersatzveranstaltung mit Referat und Diskussion ausfällt. So geschah es, und es ehrt den neuen Vorstand, mich beim Wort genommen zu haben, weil ich angeboten hatte, den Abend zu betreuen. Aber der nächste Schritt sollte ebenfalls folgten. Ein echter Stammtisch braucht einen festen Platz im Programm-Kalender, damit er planbar wird und wirklich offen ist für alle, die trotz grundsätzlichen Interesses an diesem Abend keine Zeit hatten. Erstens würde nämlich mancher dann auch mal spontan vorbeischauen, und zweitens hatten sich schon für diesen Testlauf fünf weitere KollegInnen bei mir per Email generell interessiert gezeigt.






Samstag, 11. November 2017

Don Quijote bei den Stuttgarter Buchwochen


Wolfgang Tischer (links) und Lilian Wilfart lesen aus "Don Quijote"
Das Buchcafé war gut besucht
"Spanien ist das Gastland der 67. Stuttgarter Buchwochen, die vom 9. November bis zum 3. Dezember 2017 dauern. Aus diesem Anlass lasen Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer aus »Don Quijote von der Mancha« von Miguel de Cervantes Saaverdra – neu übersetzt und herausgegeben von Susanne Lange. Die gesamte Lesung war live auf literaturcafe.de und auf YouTube zu sehen. Und immer noch kann man auf Tischers Website literaturcafé.de die berühmte Windmühlenszene hören und sehen." (Leicht aktualisierter O-Ton literaturcafé. Tischer ist übrigens im Vorstand des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus und einer der bekanntesten Buchblogger Deutschlands.)
So weit, so gut. Ich bin als alter Hispanist und Autor eines SWR-Features über 400 Jahre Don Quijote natürlich ganz begeistert über so viel Aufmerksamkeit für ein Buch, das für mich immer noch zu den besten der Welt gehört. Denn was ist dieser Roman nicht alles: Klassiker, Abenteuerroman, Spiegel Spaniens zu Beginn des 17. Jahrhunderts, Sittenbild, Satire, Schelmenroman, aber vor allem immer ein Buch über die Notwendigkeit von Idealen für die Seelenhygiene - und die Gesellschaft.
Klar, als weltfremder Büchernarr und Idealist kriegt Don Quijote ständig und nicht zu knapp auf die Mütze (oder wie Adrea Nahles damenhaft sagen würde, "auf die Fresse"), aber das geht der Maus Jerry mit dem fiesen, doofen, also Trump-tauglichen Kater Tom bei den Comics von "Tom und Jerry" genauso. Es ist der alte Reflex von Kasperle und Krokodil: ohne Klatschpritsche geht es nicht - weder wenn´s komisch sein soll, noch wenn´s eine erziehersche Wirkung haben soll. Wenn alle über den gewalttätigen Bösen lachen, kann man ja nicht von "Gewaltverherrlichung reden, schon eher über Aufklärung.
Die Welt hat im Jahr 1605 ebenso wenig wie 2017 auf einen gewartet, der sie mit seinen angeblich veralteten Idealen retten möchte. Räuber, Gauner und Ausbeuter lachen sich heute wie damals tot über einen, der des Weges kommt wie der Ritter von der traurigen Gestalt auf einem klapprigen Gaul, seinem fetten Knappen und seiner lächerlichen Rüstung, um ihnen zu zeigen, wo der Bartel den Most schon längst weggesoffen hat. Und deshalb stehen die Kirche, staatliche Autoritäten und gesellschaftliche Konventionen ganz generell in diesem Buch im Visier einer grandiosen Satire.
Seltsam, es ereignet sich ein Wunder der seltenen literarischen Art: Der Depp vom Dienst wird in der Wahrnehmung des Lesers zum reinen Toren und heimst alle Sympathien ein. Er steht nämlich nach jeder Niederlage unverdrossen wieder auf und macht weiter. Unglaublich bei dem, was da abgeht. Der Mann zeigt Standing als Träumer. Selbstverständlich ist auch das ist ein Märchen, denn die Welt ist ja nicht so, dass sie derartige Menschen für ihr Verhalten belohnen würde. Auch bei uns landen ja Idealisten und Träumer im Knast, in der Schuldenfalle, in der Psychiatrie oder in der Obdachlosigkeit, jedenfalls ganz unten. Aber es ist ein schönes Märchen, vielleicht gerade deshalb das schönste, das ich kenne. Denn es zeigt, frei nach Loriot: Ein Leben ohne Ideale und Zivilcourage ist möglich, aber sinnlos. Es mag profitabler, ehrbarer und erfolgreicher sein, doch es wäre erbärmlich.


Montag, 6. November 2017

Ein Zornausbruch gegen Rechtes Wutgerede

ISBN 978-3-99039-115-0
Gebunden mit Lesebändchen
168 Seiten,€ 15,– A/D, CHF 21

Der ausgezeichnete Pressetext: Am Beginn des neuen Essays von Rainer Juriatti steht Bedrückung: »Bedrückend die Idiotie mancher Kandidaten, die sich der Präsidentenwahl 2016 stellten.« Als man im Süden Österreichs begann, sich Waffen zu besorgen, begann Juriatti zu schreiben. Im Kern des Essays steht der Monolog eines Delinquenten, der eine Frage beantwortet: Was geschieht, wenn rechtspopulistische Parteien sich durchsetzen? Es begegnen uns altbekannte Fratzen, die zumeist rechte Propagandamaschinen leiten. Sie kennen rhetorisch kein Erbarmen, andere Parteien werden als „linke Gesinnungsstasi“ und „Freudomarxisten“ bezeichnet. Ihr Ziel ist eine grundlegende Neuordnung der Gesellschaft, damit rechtfertigen sie jegliche Form des Übergriffs. Zugleich geraten international Krisenherde in Bewegung, und das hilft rechtspopulistischen Gruppierungen in vielen europäischen Ländern – Gruppierungen, die sich gegen das herrschende System richten und Nationen fordern, die ihre Bevölkerungen vor Migranten, vor allem aber vor dem Islam beschützen sollen.
Meine Erfahrung als Leser: Im Grunde ist der vorangestellte Essay eine Art Feigenblatt - wohl auf Wunsch des Innsbrucker Verlegers entstanden. Das zeigt schon die trockerne, eher lustlos wirkende, bürokratische Sprache. Eine Pflichtübung, die das Nachfolgende erklären soll, es aber nicht wirklich tut. Der inkriminierte und diskutierte Text "eines Wiener Lokalpolitikers" wird so wenig klar benannt wie der Urheber, das hat wohl juristische Gründe. Hier spricht daher leider nicht Rainer Juriatti (geboren 1964) aus Bludenz, zuletzt wohnhaft in Graz und Wien, ein Autor von durchaus kafkaeskem Format.
Dieses sprachliche Format erschlägt mich als Leser dann mit umso größerer Wucht in dem anschließenden Theatermonolog. Das heißt, genau genommen ist es ein Trialog für einen Schauspieler: Der Politiker, eine Lautsprecher-Stimme aus dem Off und der Delinquent sind drei und könnten auch dramaturgisch durchaus drei sein. Warum also "Monolog"? Aus Personalmangel?
Im Übrigen gibt es nichts zu bemängeln an diesem im Gegensatz zum vorangsetellten Essay sehr literarischen Text. Selbst die ausgiebigen Regieanweisungen dienen der präzisen Zeichnung der Figuren, die eben sehr unterschiedlich sind: arrogantes Arschloch als ideologischer Brandstifter, kalt und brutal ausführendes Organ ("Es ist unsere Pflcht, Sie letztmalig zu fragen, ob Sie noch etwas zu sagen haben, bevor wir fortfahren"), und das wehrlose Opfer mit autobiographischen Zügen, das vor dem Erschießungskommando steht und nichts mehr zu verlieren hat.
Das Ganze macht unmissverständlich klar, was hätte kommen können, wenn 2016 die Wahl des österreichischen Bundespräsidenten anders ausgegangen wäre: eine Dystopie, eine negative Zukunftsvision, die gleichwohl ohne konkretes Gemetzel auskommt und sich mit szenischen Andeutungen begnügt. Umso mehr bleibt Raum für die Phantasie des Lesers oder Publikums, sich das Fehlende auszumalen. Das ist nun aber, typisch Jutiatti, ein rein verbales Schlachtfest. Da gab es zwar Steilvorlagen in Form tatsächlich verwendeter Begriffe, die der Autor gekonnt aufspießt, beantwortet und in dramatischer Klimax einsetzt, aber eben keine Aktion außer sechs kleinen roten Laserpunkten, die zwischendurch immer mal wieder auf das Herz des Delinquenten zielen.
Es ist die Macht der Wörter, die mich beim Lesen durch und durch zum Frieden gebracht hat. Alles ist ja noch einmal gut gegangen, doch die Rechtsradikalen sind nach wie vor da und werden keine Ruhe geben. Niemals und nirgends. Da können wir sicher sein. Ein großer Text, der mit tödlicher Konsequenz Anfänge in Form verbaler Entgleisungen zu Ende bringt. Ein Text, der Pflichtlektüre an den Schulen werden sollte.




Sonntag, 5. November 2017

Das SWR Symphonie Orchester: Wieder von der Presse ignoriert










Donnerstag, 2. November 2017: Das SWR Symphonie Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach spielt das Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur von Wolfgang Amadé Mozart und Anton Bruckners Sinfonie Nr. 7 E-Dur. Ein großartiger Abend mit dem Solisten Christopher Park. Der 30jährige Bamberger deutsch-koreanischer Abstammung spielt mit filigraner Technik und viel Gefühl. Mozart als Klaviervirtuose hätte bestimmt seine Freude daran gehabt. Nach der Pause erschütterte Dirigent Eschenbach mit dem Orchester in großer Besetzung Zwerchfell und Gemüt durch eine große Bruckner-Interpretation - da wächst zusammen, was zusammengehört. Schade bis unverschämt finde ich, dass die "Stuttgarter Zeitung" es wieder einmal nicht für nötig hielt, dieses Konzert auch nur mit einer Zeile zu erwähnen oder gar zu würdigen. Kommerz in eigener Sache verdrängt hier immer mehr den viel berufenen "guten Journalismus". Mein Blog kann und will keine Konkurrenz dazu und kein Ersatz dafür sein, denn ich bekomme keinen Cent dafür.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Eine fulminante Antrittlesung beim PEN-Club Liechtenstein

Rainer Juriatti im Schlösslekeller Vaduz
Am Sonntag, dem 29. Oktober stand im Liechtensteiner Schlösslekeller die Zeit still. Eine Stunde lang hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können, als der Vorarlberger Rainer Juriatti beim PEN-Club seine Antrittslesung hielt. Er ist hier als "der Neue" seit einem Jahr dabei und stellte zwar kurz seine wichtigsten Bücher vor, sozusagen als Kurzporträt seiner literarischen Arbeit. Aber dann las er, wie er sagte, zum ersten Mal in seinem durchaus erfolgreichen Autorenleben aus einem noch unveröffentlichten Manuskript. Ob der Titel am Ende nun "Pablos Zeit - Briefe an den verstorbenen Sohn" lauten wird oder "Die Abwesenheit des Glücks" oder doch ganz anders, wird sich zeigen, wenn sein Buch erscheint. Zu hören war jedenfalls eine großartige Erzählung darüber, wie es den Eltern eines totgeborenen Kindes ergeht.
Juriatti wählte nach über 20 Jahren, in denen er immer wieder angefangen hatte, die Biographie seines toten Sohnes zu erzählen und immer wieder seine Versuche vernichtet hatte, schießlich die Form eines Briefromans. Das Thema "Sternenkinder" ist emotional enorm aufgeladen, und gerade deshalb, so Juriatti, sei die Gefahr extrem groß, entweder in geschwätziges Beschreiben, larmoyantes Selbstmitleid oder andere Formen depressiver  "Betroffenheitslyrik" zu verfallen. Von allem gibt er leider mehr als genug. Hier aber war ein literarisches Kunstwerk zu hören, bei dem einfach immer der Ton stimmte. Der Autor erzählt dabei nicht einfach chronologisch von einem Schicksalsschlag. Die Form des Briefes macht es in diesem Fall möglich, die Balance zwischen Emotionen und Reflexionen zu finden, aus denen am Ende erst eine Geschichte wird. Nach 22 Jahren erst reichte offenbar die Distanz zu dem Drama aus, das erzählt wird. Das zeigt die Sprache.

Da stimmte jeder Satz, da war kein Wort zu viel oder zu wenig. Der Klang war immer der Situation angemessen: poetisch, zärtlich, traurig, wütend, medizinisch distanztiert oder geradezu therapeutisch beschreibend. Da war die große Liebe eines Vaters nicht einen einzigen Wimpernschlag lang peinlich. Ein Höhepunkt war eine an den alttestamentarischen Hiob erinnernde Tirade der Gottesbeschimpfung, zu der kein ungläubiger Mensch je fähig wäre. Auch Hiob klagt Gott sein Leid, aber er klagt ihn auch an dafür, dass er ein solches Un-und Übermaß an Vernichtung, Zerstörung und Schmerz bei Unschuldigen zulässt. Und doch ist dies kein lästernder, kein blasphemischer Text, sondern mündet in eine Hoffnung, die umso ehrlicher und glaubwürdiger ist, als sie keine Verletzung großer Gefühle ausspart. Nichts wird da unter den Teppich gekehrt, aber auch nichts breit getreten. Es mag ein Kunstgriff sein, aber es ist ein guter, wenn der Autor in diesem Fall sein Ringen um den treffenden Ausdruck, das jeweils passende Wort, den richtigen Tonfall thematisiert und zu einem wichtigen Teil der Geschichte macht.
Auch wenn dem einen oder anderen Zuhörer das Thema zunächst fremd vorgkommen sein mag, gelang es Juriatti doch vom ersten Satz an, einen ungeheueren Sog zu entfalten, der keinen mehr loslässt. Diese Erzählung weckt spontan Interesse und hielt die Hörer bei der Stange, wie es hoffentlich bald auch Leser in den Bann schlagen wird. Autobiographisch inspirierte, aber große literarische Prosa: Eine Erzählung von enormer sprachlicher Wucht und Feinfühligkeit ist Juriatti hier gelungen, ein wunderbares, ein rundum großartiges Buch entsteht da. Und der dramaturgisch penibel austarierte, professionelle Vortrag des Autors tut sicher das seinige dazu, um das Publikum zu fesseln. Mehr davon! Lang anhaltender Beifall zeigte, dass dieser Text "funktioniert".



Donnerstag, 26. Oktober 2017

"Stuttgart liest ein Buch" - auch die Pfarrer der City-Kirchen

Zum dritten Mal war das Festival "Stuttgart liest ein Buch" am 25. Oktober in der Hospitalkirche zu Gast. Es ist schon guter Brauch, dass auch die Pfarrer der City-Kirchen das Buch lesen bzw. darüber sprechen, um das sich in diesen Wochen alles dreht. "Nachts ist es leise in Teheran aus theologischer Sicht" hieß die Veranstaltung in dem seit März sanierten Gotteshaus beim Evangelischen Bildungstentrum. Dass auch Pfarrer lesen, ist nicht neu. Neu aber war durchaus der eine oder andere Aspekt, den sie im Gespräch zum Thema beitragen konnten. Die iranischstämmige Autorin Shida Bazyar aus Hermeskeil hat zwar, wie Astrid Braun, Geschäftsführerin des veranstaltenden Stuttgarter Schriftstellerhauses, betont, keinen autobiografischen Roman geschrieben. Doch sie hat einen exemplarischen, sehr poetischen und zugleich politischen Roman über die Flucht aus dem Iran der Ayatollahs und die Geschichten vieler Iraner in Deutschland geschrieben. Diese Vielfalt bündelt sich in vier Stimmen, die sich bei der Erzählperspektive über vier Jahrzehnte hin abwechseln. Die vier Geistlichen sprachen über jeweils eine dieser Stimmen aus ihrer Sicht.

Pfarrer Eberhard Schwarz
1979 Behsad war das Kapitel, über welches Eberhard Schwarz sprach. Der Pfarrer der Hospitalkirche fühlt sich am ehesten der Altersgruppe des Vaters Behsad zugehörig. Als in Teheran die Revolution ausbricht und der Schah verjagt wird, ist der hoch gebildete Lehrer und kommunistische Aktivist einer von denen, die einen modernen, besseren Iran wollen. Doch dann frisst die "islamische Revolution" des Ayatollah Khomeini die politische Revolution naiver Weltverbesserer. "Die Islamisten sind einfach besser im Volk vernetzt und können einen Staat organisieren". Als sein bester Freund durch den Gottesstaat verhaftet und im Gefängnis ermordet wird, beschließt Behsad mit seiner Familie die Flucht nach Deutschland. Er scheitert, rettet aber die Familie.



Pfarrer Christoph Doll
1989 Nahid setzt den Roman aus Sicht der Mutter fort. Über diese Lektüre sprach der katholische Pfarrer Christoph Doll von St. Eberhard. Die Flucht selbst, von der heimlichen Vorbereitung bis zum Ankommen bei den freundlichen, aber seltsamen Nachbarn Walter und Ulla. Da zeigt sich Integration als Aufgabe für beide Seiten. Deutschland wird als Ziel aller kulturellen Sehnsüchte entzaubert, Kontraste zeigen sich zwischen verschiedenen Werten und Denksystemen. "Was ist meine Identität?", fragt sich die gebildete und erfolgreiche Ärztin, die auch viel gut gemeinten Unsinn und zahlreiche Klischees erlebt. Wenigstens sollen die Kinder sich waschen, wenn sie Hunde gestreichelt haben.




Monika Renninger
1999 Laleh ist das Kapitel der Tochter. Daraus las Monika Renninger einen Ausschnitt über die Vorbereitungen zu einem Besuch von Mutter und Tochter bei der zahlreichen Verwandtschaft in Teheran. Die Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof hob die Rolle der Tochter hervor, die extrem zwischen zwei grundverschiedenen Welten hin- und hergerissen ist. Die Welt des fremdartigen Gottesstaates, in dem die Frauen sich vor den Blicken der Männer verhüllen müssen, und die Welt der Frauen, die sich trickreich immer mehr kleine Freiheiten ertrotzen. Teherans öffentliche Welt und die private Welt hinter der Haustür mit einer großen Liebe zu Schönheit, Kosmetik, Poesie und Musik. Dennoch: Laleh fühlt sich in Deutschland sicherer und wohler.



Matthias Vosseler
2009 Mo erzählt von Lalehs jüngerem Bruder Mo. Über dieses Kapitel aus der Sicht des "coolen Typs" sprach Pfarrer Matthias Vosseler von der Stiftskirche. Mo ist bei Facebook und Youtube aktiv, hat Freunde in der westlichen wie der islamischen Welt. Seine Kumpels in Deutschland, seine Studentenbude, seine Interessen für Musik und Politik zeigen ihn aufgeschlossen, offen. Der engagierte Demokraten nimmt an der "grünen Revolution" der Studenten gegen das erzkonservative Regime von Mahmud  Ahmadinedschad großen Anteil. Aber noch ist der Islam im Iran intolerant und fremd. So ist Religion nicht attraktiv für junge Leute mit Sehnsucht nach Freiheit.

Nach einer guten Stunde ging das Gespräch der Theologen in einen Dialog mit dem Publikum über. Natürlich hat hier niemand über einen religiösen oder antireligiösen Roman gesprochen, den Shida Bazyar mit "Nachts ist es leise in Teheran" auch nicht geschrieben hat. Doch es wurde auch gefragt, was man denn aus theologischer Sicht mitnehmen könne. "Vielleicht unsere fragmentierte Existenz, die es mit mit all ihren Brüchen anzunehmen gilt und die auch Gott annimmt", meinte Eberhard Schwarz. Die einen sahen vor allem den gescheiterten kommunistischen Revolutionär Behsad als traurige Figur, andere aber fanden ihn abgeklärt und altersweise in seinem deutschen Exil.  Religion gehört zum Leben, wenn auch nicht immer als heilende, sondern auch als verletzende Kraft. Die Mehrstimmigkeit in Shida Bazyars Roman enthält so viel Offenheit für Kommendes, so viel Humor und Wärme, dass es auch deshalb sicher gut war, an diesem Ort über ihr Buch zu sprechen.